„Die Geschichte beginnt in der Familie…“ ist ein internationales Projekt, in dem sich junge Menschen aus Polen, Deutschland und der Ukraine mit den Themen Familie, Geschichte und Werte beschäftigen. Die Teilnehmer/innen lernen den größeren historischen Kontext kennen, erforschen ihre Familiengeschichtenund lernen aus den Erkenntnissen der Vergangenheit. Dies ermöglicht das Verständnis der unverheilten Vergangenheit und der damit verbundenen schwierigen Gegenwart. Dabei lernen sie, die Familiengeschichten in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.
Das erste Treffen fand im August 2015 statt. Damals übernachteten wir im Anne-Frank-Haus in Oldau und besuchten die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Am Schluss dieses Projektteils bekamen wir die Hausaufgabe, Interviews mit den Familienmitgliedern zu führen, die bereit sind, ihre Erfahrungen über die Zeit des zweiten Weltkriegs zu teilen. Annschließend haben wir zu den Interviews kurze Präsentationen für die Gruppe vorbereitet.
Unsere zweite Reise begann bei Tagesanbruch in L’viv. Manche von uns reisten bereits aus anderen Regionen der Ukraine an. Die Reise von L’viv nach Oświęcim (Auschwitz) dauerte zwölf Stunden. Wir haben zum ersten Mal die polnische Grenze zu Fuß überquert. Insgesamt wechselten wir zehn Mal Busse und Züge. Schließlich erwarteten uns warme und herzliche Umarmungen in der internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) in Oświęcim.
Was kam als nächstes? Hier sind ein paar Fakten und Zahlen, die von der ukrainischen Teilnehmerin Ol’ha Vasylez gesammelt wurden.
Drei Räume wurden für die Präsentationen der Interviews von Teilnehmer/innen genutzt. Alles in allem wurden 21 Familiengeschichten vorgestellt.
An zwei Tagen besuchten wir in nationalen Gruppen im Rahmen von ausgedehnten Führungen das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau.
Zwei Stunden lang haben wir mit der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz über ihre Erinnerungen und Gefühle gesprochen. Am Abend vor diesem Treffen sahen sich die Teilnehmer/innen den Film Die Passagierin an, der nach der Erzählung der Autorin gedreht worden war.
Wir untersuchten die Geschichten von fünf jüdischen Familien, deren Schicksale mit Auschwitz-Birkenau verbunden waren. Es hat sich herausgestellt, dass ihre Fotos ganz und gar zufällig aufgefunden wurden. Viele der Fotos waren auf der Rückseite beschrieben.
Nach wie vor wurden vier Sprachen gesprochen. Diesmal brachten wir einander Dialekte und etwas Slang in den jeweiligen Sprachen bei.
Ein Geburtstagsfest wurde gefeiert. Wir gratulierten Ela, einer unserer tollen Projektkoordinator/innen, zu ihrem Geburtstag.
Ein wunderschöner polnischer Kulturabend fand während der Woche statt.
Ein Besuch in Krakau.
Eine neue Projektwebsite, auf der die Teilnehmer/innen ihre aufgenommenen Interviews publizieren können, wurde präsentiert.
Wir haben die schlaflosen Stunden überhaupt nicht gezählt, denn sie vergingen unmerklich.Olja Vasylez (Pishchanka, Dnipropetrovsk oblast, Ukraine)
Bis jetzt ließ die Erwähnung des Wortes „Auschwitz“ meine Vorstellungskraft das Gemälde The Scream von Munk nachmalen. Man glaubt, dass dieses Meisterwerk Menschen den Verstand verlieren lassen kann, wenn sie es zu lange betrachten. Man bekommt dabei das Gefühl, aus der Gegenwart zu fliehen und sich mit der Angst anzufreunden. Es ist daher besser, weg zu sehen.
Als man vor der Aufschrift Arbeit macht frei steht, bleiben einem nur noch einige Minuten, bevor man eine andere Realität erfährt, die sich hinter dem Stacheldraht verbirgt. Man realisiert, dass es unmöglich ist, weg zu sehen, und geht einfach voran.
Es scheint, dass man zu Dantes Führung in die Hölle eingeladen wurde. Am Ende gibt es jedoch hier keine Erlösung, da Beatrice nicht auf dich warten wird. Du versucht, dich selbst zu retten. Dein schwaches Gehirn versucht herauszufinden, dass es vor dieser Hölle noch etwas gab, was weiterhin existieren kann.
Plötzlich wirfst du einen Blick auf deine ukrainischen Kommiliton/innen und verstehst, dass sie genauso verwirrt sind wie du selbst. Ihre Anwesenheit bringt dich zurück zu der dich aufs Neue begrüßenden Realität. Deine Angst wird langsam schwächer. Und doch erwarten dich die neuen Ausstellungsreihen. Sie lassen deine unbekümmerte Realität langsam dahinschwinden.
Unsere eigene Hilflosigkeit kann manchmal tödlich sein, aber du kannst nicht die hungernden Kinder retten, die von den Museumsbildern herunterschauen und um deine Hilfe betteln. Du gehst einfach vorbei – hinüber zum nächsten Höllenkreis. Plötzlich rückt dir jemand aus deiner Gruppe freundlicherweise die Kapuze zurecht und du verstehst, dass die bessere Welt, die ein Ort der Liebe und Fürsorge ist, immer noch existiert. Anschließend gehst du in die jüdische Ausstellung und hörst das Geschrei der Nazis, das bereits die nächste Runde in der Hölle ankündigt. Noch bevor dein Gedächtnis zurückkehrt, siehst du die Fotobilder mit den jungen lächelnden Gesichtern jüdischer Familien, die von den Überlebenden selbst gemacht wurden. Deine Wahrnehmung der umgebenden Realität wird noch mehrmals in Vergessenheit geraten und wieder zurückkommen, bis der Guide für die Aufmerksamkeit dankt und bittet, die Kopfhörer abzugeben.
Danach wird ein langer Weg zur Jugendbegegnungsstätte mit vielen aufkommenden Gedanken folgen.
Nun bist du bereits zu Hause bei den dir Nahestehenden, wo man sich reichlich um dich kümmert und sorgt, wo man dir genügend Wärme schenkt. Das ehemalige Lager ist einhundert Kilometer von hier entfernt. Du bist nicht verrückt geworden, aber etwas hat sich definitiv verändert. Nun zweifelst du nicht mehr daran, dass Auschwitz nie vergessen werden darf. Leider hilft es nicht mehr, nur über seine Existenz zu wissen.. Du beginnst das Ausmaß der Tragödie nur dann zu verstehen, wenn du Auschwitz mit eigenen Augen gesehen hast. Nachdem du diesen Ort besucht hast, stellst du dir dutzende Fragen und suchst nach Antworten. Meine Suche hat erst begonnen und mein Gefühl der Realität wird zusammen mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ immer wieder dahinschwinden, aber ich werde nicht wegsehen, denn ich stimme George Santayana zu: Diejenigen, die sich an die Vergangenheit nicht erinnern, sind dazu verurteilt, sie zu wiederholen.
Julija Levyz’ka (Teofipol, Chmelnyzkyj oblast, Ukraine)
Diese Reise veränderte mich enorm. Es ist traurig zu verstehen, dass viele Menschen diese Stadt ausschließlich mit Horror, Verzweiflung und Tod assoziieren.
Der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers kam mir wie ein großer Schock vor. Viele Gedanken, die ich nicht in Worte fassen konnte, tauchten in meinem Kopf auf. Ich hatte viele Fragen, auf die ich wahrscheinlich nie Antworten finden werde. Ich habe immer noch einen Knoten im Hals. Es wundert mich nach der Lagerführung nicht, dass im Plenum eine absolute Stille herrschte.
Ich danke dem Leben für die Chance, ein wunderbares Gespräch mit der Zeitzeugin Zofia Posmysz erlebt zu haben. Sie ist ein Beispiel für eineder Persönlichkeit, die nicht nur die unmenschlichen Lagerbedingungen ausgehalten, sondern auch nie ihren Glauben verloren hat. Und sieh mal, hier sitzt sie unter uns. Sie inspiriert die anderen Menschen zum Leben. In solchen Momenten fängst du an zu verstehen, wie viel du besitzt. Als ich nach Hause zurückkehrte, hatte ich das Bedürfnis, meine Nächsten an der Stelle zu umarmen. Ich habe nun das Gefühl, dass ich wieder hierher kommen werde, um die Menschen zu ehren, die für immer hier ruhen werden.
Alles in allem war das zweite Teil des Projekts einfach erstaunlich. Ich hörte mit großem Interesse den Familiengeschichten meiner Freunde zu. Alle waren sehr speziell. Es war interessant, die verschiedene Wahrnehmung für dieselben Ereignisse feststellen zu können. Darüber hinaus organisierte die polnische Gruppe ihren Kulturabend – und es war wunderschön.
Oksana Vojtjuk (Ladyzhyn, Vinnyza oblast, Ukraine)
Hast du gewusst, dass Obst auf Polnisch Gemüse heißt und nein ja bedeutet? Ich habe nicht nur gelernt, den polnischen Zungenbrecher Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie richtig auszusprechen, sondern ich habe auch gemeinsam mit den anderen Teilnehmer/innen des internationalen Teams während dieser Woche viele Veränderungen durchgemacht. Mit manchen von ihnen ist eine enge Verbindung entstanden. In einem Moment spürte ich, dass meine rechte Gehirnhälfte zu funktionieren aufhörte und die linke, die für die Emotionen verantwortlich ist, zu explodieren drohte. Wie das alles geschah, ist hier unten dargestellt.
Das Furchtbarste war für mich, sich die Gefühle der Menschen vorzustellen, die in den Gaskammern ums Leben kamen.
Und das Gruseligste – Tausende von Menschen zu beobachten, die am Montag um 11 Uhr durch die Räumlichkeiten des Lagers strömten. Ich versuchte, mich in die Lage eines 20-jährigen Mädchens zu versetzen, das von Zuhause zum Konzentrationslager verschleppt wurde. Das Allerletzte, was ich mir je gewünscht hätte, wäre gewesen, mein Vorsterbezimmer zum Besuchsort für Millionen von Menschen zu machen.
Der für mich meist überraschende Abend war derjenige in Birkenau.
Und doch kehrten wir nach all diesen Dingen zur Jugendbegegnungsstätte zurück und waren wieder in Sicherheit. Das war ein Ort, an dem wir lernten, dass die Erinnerung an die Vergangenheit vor ihrer Wiederholung bewahrt. Das war ein Ort, wo wir eine Stunde lang schwiegen und danach nur ein Wort sagen konnten, um einander sofort verstehen zu können. Dies sind Menschen, an die ich mich nach der Reise erinnern werde. Obwohl wir manchmal stritten, kamen wir trotzdem zum gemeinsamen Verständnis. Wir sprachen viel, lachten laut und sangen Lieder in verschiedenen Sprachen. Und das alles taten wir von ganzem Herzen. Wir sahen und hörten viele schreckliche Dinge in Auschwitz-Birkenau, aber wir gingen es zusammen durch – und das ist genau der wichtigste Punkt.
Lilija Trubka (Donetzk, Ukraine)
Die Erinnerung an Oświęcim lässt mich gleichzeitig traurig und glücklich zurück. Abgesehen von meinem Präsentationsprojekt brachte ich eine depressive Stimmung mit nach L’viv. Die ehemaligen Konzentrationslager tragen meistens eine sehr schwere Energie. Als ich in Birkenau war, verließ mich der folgende Gedanke nicht: „Es gibt kein klügeres und gleichzeitig kein dümmeres Wesen auf Erden als den Menschen“. Statt Kompromisse zu schließen, entschied man sich für den Krieg. Alles hängt von der Anzahl an Ressourcen ab. Es ist immer wieder die gleiche Geschichte. Es ist schwierig nachzuvollziehen, dass in einer Entfernung von tausend Kilometern im Osten der Ukraine heute auch Krieg herrscht.
Dialoge, zahlreiche Diskussionen, Trainings und Präsentationen der Interviews – das alles machte meine Woche in Oświęcim aus. Ich weiß nicht, wann ich wieder dorthin gehen werde, aber ich behalte es für immer in meinem Gedächtnis. Nun habe ich 29 neue Freunde auf Facebook, viele neue Bilder und positive Emotionen. Ich bin den Organisator/innen des Projekts dafür äußerst dankbar.
Roman Zwarytch (Werbiwka, Iwano-Frankivsk oblast, Ukraine)
Die Kenntnisse sowohl der Heimat- als auch der Familiengeschichte werden in der heutigen Welt immer wichtiger. Das Verständnis der Vergangenheit hilft uns, unsere Zukunft sicherer zu gestalten. Der zweite Teil des Projekts „Die Geschichte beginnt in der Familie…“ liegt nun auch hinter uns. Da es meine erste Teilnahme an Projekten solcher Art ist, ist die Erfahrung für mich sehr bedeutsam, da ich dabei viele neue Dinge lernen konnte.
Erstens, habe ich gelernt, wie ich ein Interview durchführe und gestalte, welche Fragen ich stelle und wie ich die Daten weiter verarbeite.
Zweitens, ist der Besuch von Bergen-Belsen und Auschwitz-Birkenau ein großer Schock für mich gewesen. Nichtsdestotrotz bedeutete es für mich den Gewinn wichtiger Erfahrungen sowie relevanter Kenntnisse. Und drittens, habe ich herausfinden können, in welchem Lager mein Großvater eingesperrt war. Ich bin allen Menschen dankbar, die mir zum Gelingen dieses wichtigen Vorhabens verholfen haben. Während beider Teile des Projekts lernte ich, meine Emotionen zu analysieren und mich darüber zu äußern. Ich mag die sehr freundliche und warme Atmosphäre in unserer Gruppe. Jede/r ist für mich zu einer sehr bedeutenden Person geworden. Schließlich danke ich allen unseren Organisator/innen dafür, dass sie uns eine neue Welt eröffnet haben.
Valerija Pavlysch (Kryvyj Rih, Dnipropetrovsk oblast, Ukraine)
Das Projekt „Die Geschichte beginnt in der Familie“ bricht Stereotype und verändert Gedanken. Es ist allgemein ein großer Schub für meine Selbstentwicklung bzw. Selbstverwirklichung. Der zweite Teil des Projekts zeigte außerdem, wie wichtig die Familie für jeden von uns ist. Es was sehr angenehm, zu beobachten, wie die Teilnehmer_innen ihre Herzen für einander öffneten und dabei etwas Privates und Wertvolles mit uns teilten.
Wir hatten wirklich eine interessante und bezaubernde Woche. Jeder einzelne Tag war hell und sehr originell. Wir bereiteten unsere eigenen Projekte vor, sprachen unsere Gedanken und Ideen bezüglich der Geschichte aus und machten verschiedene Aufgaben, die uns interessante und beeindruckende Fakten finden ließen.
Die Integration in die Projektgruppe verlief für mich sehr leicht und unkompliziert. Ich habe nun viele Freunde aus Deutschland und Polen, von denen ich nun ständig SMS und Messages via andere Kanäle erhalte.
Ich erwarte nun den nächsten Teil des Projekts, um noch einmal in das Fachgebiet der Geschichte einzutauchen. Ich bin den Organisator/innen für die Gestaltung des Projekts, das eine Chance zum Blickwechsel und die Sicht der Welt auf eine andere Art und Weise ermöglicht hat, sehr dankbar.
Auf Wiedersehen in L’viv!
Serhij Zalevs’kyj (Novoselivka, Odessa Gebiet, Ukraine)
Ukrainische Teilnehmer/innen des Projekts “Die Geschichte beginnt in der Familie…”
Übersetzt von Melaniya Lyvka Korrigiert von Daniel Seifert



















