Familiengeschichten
Sigrid Henning
Interview aufgezeichnet: von Bielefeld, Deutschland 05.10.2017
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Sigrid Henning

Meine Großmutter wurde am 15. Februar 1945 in Bielefeld geboren. Dort ist sie aufgewachsen und hat eine Ausbildung zur Schneiderin gemacht. Im Alter von 19 Jahren heiratete sie meinen Großvater und sie bekamen zwei Kinder: meinen Vater Frank und meinen Onkel Mark.

Noch 1943 kam mein Vater aus Russland nach Hause, er hatte Kurzurlaub. Auf dem Weg zu unserem Haus traf er meinen Bruder. Er sprach ihn an und sagte: ,,Manfred, mein Sohn.“ Mein Bruder sagte: ,,Du bist nicht mein Vater, mein Vater, den kenne ich“. Das bedeutet, dass er meinen Vater lange, lange nicht gesehen hatte und aus diesen Grund ihn nicht erkannt hatte.

1944 schrieb meine Mutter einen Brief an meinen Vater und teilte ihn mit, dass sie schwanger war. Daraufhin schrieb er zurück, dass er sich sehr, sehr auf ein Baby freute. Doch im Dezember kam ein Soldat zu meiner Mutter und überbrachte ihr die traurige Nachricht vom Tod meines Vaters, er hatte Typhus. Für sie brach eine Welt zusammen, denn mit 28 wurde sie Witwe mit bald 2 Kindern. Die ganze Familie hat getrauert und sofort Hilfe angeboten. Diese Hilfe habe ich auch später immer wieder gespürt.

Während eines Bombenanschlags am 15.02.1945 wurde ich geboren. Meine Mutter war leider alleine mit der Hebamme, denn alle anderen Mitbewohner waren im Keller bei den Nachbarn, um Schutz zu suchen.

Wie konntet ihr euren Hof bewirtschaften, da der Vater nun weg war?

Wir hatten ja ein eigenes Haus mit Garten hintendran, aber wir haben noch zusätzlich einen Garten, ein Feldstück gepachtet. Auf diesem Feld haben wir Kartoffeln etc. bewirtschaftet. Weil meine Mutter das nicht alles alleine schaffen konnte, kam wieder unsere Familie ins Spiel. Sie haben geholfen, gegraben, Kartoffeln ausgegraben und so weiter, und so fort. Was das Essen anbelangt, brauchten wir auch nicht darben, denn wir hatten in unserem Haus ein Schwein. Das Schwein wurde geschlachtet und auch dann kam wieder die Familie: sie haben geholfen zu wursten. Außerdem hatten wir noch eine Ziege, fällt mir gerade ein. Diese Ziege gab uns Milch, also hatten wir keinen Hunger. Wir haben wirklich viel Glück gehabt, dass wir so eine tolle Familie hatten, die uns jahrelang, jahrzehntelang geholfen hat.

Wie gingen andere Frauen mit dem Verlust ihrer Männer um?

Ich weiß es nur vom Hörensagen, da unsere Mutter nie vor uns geweint hat. Ich weiß nur, dass wir in unserer Straße 4 Witwen hatten und diese 4 Witwen Freundinnen geworden sind. Daher weiß ich, dass sie sich häufig getroffen haben und alle 4 immer bitterlich geweint haben. Aber wie gesagt, ich habe es nur gehört, weil Mutter nie vor uns geweint hat.

Wie bist du damit umgegangen, dass du keinen Vater hattest?

Ich habe immer Sehnsucht nach meinem Vater gehabt. Das weiß ich. Ich habe auch in der Schule einige Erlebnisse gehabt, denn es wurde mal irgendjemand aus der Klasse ausgerufen und [es wurde] gesagt: ,,Du kannst nach Hause gehen, dein Papa ist nach Hause gekommen“. Seitdem habe ich immer, wenn die Tür aufging, gehofft, dass gleich der Lehrer kommt und sagt: ,,Sigrid, du kannst nach Hause, dein Papa ist nach Hause gekommen“. Obwohl ich wusste, dass er eigentlich tot war, habe ich immer noch gedacht: ,,Vielleicht habe ich Glück und er ist gar nicht tot“. Es sind ja auch viele Totgeglaubte wieder zurückgekommen. Ich muss sagen, dass ich nach meinem Vater immer Sehnsucht gehabt habe, ein Leben lang. Ansonsten habe ich auch, wie gesagt, durch die Familie nicht viel vermisst. Nur irgendwann kam meine Mutter weinend ins Haus und das habe ich miterlebt. Da hat jemand in der Nachbarschaft, unsere Geschwister, mein Bruder usw. und die anderen Kinder, ein bisschen Blödsinn gemacht. Dann ist eine Frau aus der Nachbarschaft gekommen und hat zu meiner Mutter gesagt: ,,Aus deinen Kindern kann ja auch nichts werden, die haben ja keinen Vater“ und das hat meiner Mutter sehr, sehr wehgetan. Das weiß ich noch, dass sie auch Tränen in den Augen hatte. Sonst haben mein Bruder und ich, wie gesagt, eine glückliche Jugend gehabt, bis auf die Sehnsucht nach dem Vater usw. Das ist auch geblieben, im Prinzip bis heute noch.

Gab es auch mal gefährliche Ereignisse oder hast du solche miterlebt oder davon gehört?

Ich habe selbst keine gefährlichen Erlebnisse erfahren. Ich weiß, dass mein Bruder [etwas erlebt hat]. Dass muss um 1943 gewesen sein, da ist er mit meiner Tante zu Oma gegangen und plötzlich kamen die Bomben. Meine Tante hat meinen Bruder auf die Erde geschmissen und sich auf ihn drauf[geworfen], um ihn zu schützen. Das ist ein schlimmes Erlebnis, das ich selbst nicht erlebt habe, [von dem ich] aber gehört habe, dass es sehr schlimm gewesen ist, auch damals. Die Angst vor den Bomben, dass dem Kind etwas passiert.

Hast du trotzdem eine schöne Kindheit gehabt?

Ich hatte wirklich eine schöne Kindheit, bedingt durch die Familie. Meine Tante war verheiratet, da bin ich fast wie eine Tochter aufgenommen worden. Der Mann meiner Tante war fast wie ein Vater zu mir. Ich habe nichts vermisst. Natürlich hatten wir nicht so viel Geld, wir konnten also nicht hingehen und sagen, ich kaufe mir jetzt gerade dieses oder jenes. Ich war glücklich, wenn mein Opa kam, mir mal 5 Pfennig oder 10 Pfennig in die Hand gedrückt hat und gesagt hat: ,,Sigrid, geh mal nach nebenan in den Laden und hol dir mal einen Negerkuss“. Dann war ich selig, weil das einfach toll war, da habe ich mich gefreut und hatte immer die Hoffnung, dass heute mein Opa wiederkommt, dass ich vielleicht wieder einen Groschen für einen Negerkuss bekomme. Das war toll. Im Allgemeinen kann ich nur sagen, ich habe eine gute, glückliche Jugend gehabt. Ich habe nichts vermisst. Ich hatte nicht [so viel], wie es heute gibt, weil wir es auch nicht anders kannten. Das ist der Grund.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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