Familiengeschichten
Elvira (Vira) Gutsalo
Interview aufgezeichnet: von Kyiv, Ukraine 08.09.2015

Світлини

Andriy Gutsalo

Andriy Gutsalo

Elvira (Vira) Gutsalo

Geboren am 8. März 1945 – im Deutschen Reich 35 km vom Rhein entfernt. Im Alter von 3 Monaten kehrte sie mit ihrer Mutter nach Kiew zurück. Sie lebte dann im Dorf Syniawa, Kiewer Gebiet. 1957 – mit dem Onkel Vasyl und der Tante Olga zog sie nach Stalino (Donetsk), wo sie ihr Studium fortsetzte. 1962 – begann sie in der Makeevka Glasfabrik (Donbas) zu arbeiten, nach fünf Jahren heiratete sie Volodymyr Gutsalo. 1967 – bekam sie Tochter Svitlana und vier Jahre später Sohn Andriy.

 

Im Jahr 1943 wurde meine Mutter wie alle jungen Leute damals in Kiew gegen ihren Willen von der Wehrmacht verschleppt. Damals war sie erst 19 Jahre alt. Sie und ihre Schwester wurden weggebracht. Ihre Schwester und Tante konnten aber fliehen, da die Bretter des Wagens, der sie zum Verbringungsort bringen sollte, zerbrachen und sie dadurch entkommen konnten. So gelang es meiner Mutter sich zu retten. Sie kam in die Ostgebiete des Deutschen Reiches, wo die anderen Ukrainer waren.

Der Besitzer zwang sie Sand und Zement zu tragen, da damals viel gebaut wurde. Wenn sie müde waren und nicht arbeiten konnten, drohte er, sie ins Konzentrationslager oder in die Fabrik, zu schicken. Einmal konnte meine Mutter es nicht mehr tragen und fiel. Dann wurde sie in die Fabrik geschickt. Da verbrachte sie ein paar Monate. Dann kam ein anderer Besitzer und wählte die Arbeiter aus. Unter anderen Jungen und Mädchen wählte er meine Mutter. Der Besitzer hieß Mentz, er hatte einen Sohn, der im Krieg war, der andere war noch klein, 18 oder 19-jährige Tochter, Elvira.

Der Besitzer und die Besitzerin waren sehr gut. Damals war meine Mutter mit ihrer Tochter befreundet, obwohl sie nur eine Arbeiterin war. Beim Besitzer lernte meine Mutter meinen zukünftigen Vater – Mykola Lukyanenko kennen. Sie arbeiteten auf dem Feld. Die Jungen putzten das Vieh zu Hause, die Mädchen melkten, kochten und räumten auf. Sie lernten einander kennen, verliebten sich und aus dieser Liebe entstannt ich am 8. März 1945:) . Die Besitzerin war sehr gut. Während meine Mutter arbeitete, lag ich in einer Kutsche, sie kümmerte sich um mich und gab mir zu essen. Mama hat großes Glück.

Nach der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 betraten die Amerikaner das Dorf oder die Stadt, und die ersten, die sie entließen, waren Kriegsgefangene, deswegen war mein Vater als Kriegsgefangener frei. Singend zogen die Kriegsgefangene unter dem Banner der UdSSR aus. Aber meine Mutter und andere Frauen blieben.

Dort waren sie noch 3 Monate, erst im August wurde meine Mutter nach Kiew (dort lebte sie mit ihrer gefundenen Schwester) in eine andere Stadt geschickt. Die Besitzerin überredete sie zu bleiben und sagte: „Was wirst du dort im zerstörten Kiew machen? Vielleicht gibt es schon keine Schwester und Bruder, vielleicht wurden sie getötet? Was wirst du mit einem Kind tun?“ Sie ließ sie nicht gehen, ihre Freundin überredete sie auch. Zu Ehren der Tochter der Besitzerin wurde ich Elvira genannt, aber dann hatte meine Mutter Angst, als sie mich taufte, dass es ein deutscher Name war. Damals war das alles verboten, sie fürchtete, niemand sollte wissen, dass Mutter in Deutschland war. Deshalb hat sie mich Vira getauft.

Wo waren Ihre Mutter und ihre Schwester vor dem Krieg, im Jahr 1943?

Meine Mutter war in Kiew, arbeitete als Kindermädchen bei einer jüdischen Familie. Sie kümmerte sich um die Kinder und ihre Schwester (Olga) arbeitete in der Fabrik. Der Bruder hingegen hielt sich im Kirowograder Gebiet auf.

Was ist in Babi Yar passiert?

Meine Tante war damals auch  bei einer jüdischen Familie. Dann wurden alle Juden deportiert. Man sollte die teuersten Sachen einsammeln (wie die Tante mir erzählte). Der Besitzer bat meine Tante (Olga) um Hilfe, weil sie bei ihnen arbeitete. Sie half, die Dingen nach Babyn Yar zu bringen. Als sie sah, dass da Massaker war, lief sie zur Dolmetscherin und sagte: „ich bin keine Jüdin, ich bin Ukrainerin, aus Tschernihiw Gebiet.” Die Dolmetscherin sagte dem Beamten, dass sie keine Jüdin sei und im Pass stand es, dass sie Ukrainerin aus Tschernihiw Gebiet ist.

Wurde sie freigelassen?

Dann rief der Beamte sie, drehte sich um und stieß sie mit seinem Stiefel. Sie flog wahrscheinlich 3 Meter. Als sie landete, wurde sie verletzt, aber sie war froh, dass sie noch lebte. Danach fuhr mein Onkel Vasyl nach Donbass.

Hat er gekämpft?

Ja, er kämpfte, wurde überwältigt und dann verhaftet. Um aus der Gefangenschaft zu fliehen, fand er eine Toilette, auf die deutsche Offiziere gingen. Als niemand da war, rannte er auf die Toilette und sprang. Als die Offiziere eintraten, tauchte er völlig ein, als sie herauskamen, konnte er ein wenig atmen. Dort saß er bis zur Nacht. Da gelang es ihm zu fliehen. Er hatte Beinverletzung. Da er nicht wusste, ob seine Schwester noch lebte, ging er nach Donbass. Früher arbeitete er dort und er rief den Jugendlichen, wo er in der Schachta arbeitete. Dann brachte mein Onkel meine Tante Olga und später kam meine Mutter zu ihnen. So war die ganze Familie zusammen in Stalino (Donezk).

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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