Familiengeschichten
Andrzej Iwan
Interview aufgezeichnet: von Sosnowiec, Polen 20.02.2018

Andrzej Iwan

Ein Interview mit Andrzej Iwan – die Kriegserinnerungen eines Kindes. Andrzej Iwan ist im November 1939 geboren. Als Kind nahm er das Kriegsgeschehen in seinem Heimatort Sosnowiec anders wahr als die Erwachsenen. Im Interview erzählt er von den eigenen Erinnerungen aus dieser Zeit sowie von den Geschichten, die er im Laufe der Zeit von seinen Verwandten gehört hat.

Welche Erinnerungen hast Du aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs?

Ich wurde im November geboren, der Krieg war im September ausgebrochen. Ich wurde also schon im Krieg geboren. Interessanterweise hatten die Deutschen Hausgeburten verboten. Vorher hatte es in jedem Bezirk von Sosnowitz eine Bezirkshebamme gegeben, die nach Hause kam, wenn die Geburt einsetzte. Ich war der Erste in der Familie, der im Krankenhaus geboren wurde. Das wusste ich natürlich nicht, erst später wurde mir erzählt: „Du bist im Krankenhaus geboren, nicht zu Hause“.

Was kann ich vom Krieg berichten? Wir wohnten in der Kaliska-Straße, in einem zweigeschossigen Haus, in dem sich eine Bestattungsfirma und noch etwas anderes befand. Es war im Bezirk Sielec, unweit der Innenstadt. Unten im Haus wohnte eine Frau, ich weiß nicht, ob sie Junggesellin oder Witwe war, und es hieß, sie hätte die Volksliste unterzeichnet. Dafür bekam sie bessere Lebensmittelkarten und so weiter. Meine Mutter kannte sie, also ließ sie mich unter ihrer Aufsicht, wenn sie einkaufen ging. Diese Frau brachte mit Deutsch bei: „Guten Morgen“. Ich saß noch im Kinderwagen, ich konnte noch gar nicht laufen, aber ich konnte schon Sachen wiederholen wie „guten Tag“, oder auf Deutsch fluchen „Donnerwetter“. Sie brachte es mir bei und ich wiederholte es wie ein Affe. Sie machte sich einen Spaß daraus. Einmal fuhr sie mich im Kinderwagen raus in den Hof. Ich saß noch im Kinderwagen, denn irgendwie hatte ich eher gelernt zu sprechen, als zu laufen.  Ein paar Männer gingen vorbei und ich sagte zu ihnen „guten Morgen“, sie sahen mich an wie ein Gespenst und hauten ab. So war das. Ich weiß das selbst nicht mehr, aber gleich nach dem Krieg wurde mir erzählt, dass ich so etwas gemacht habe.

Die Deutschen gingen oft umher. Später zogen wir in ein frisch gebautes Haus in Dębowa Góra, dorthin kamen sie auch. Ich weiß noch, als sie wegzogen, kamen sie zu uns ins Haus. Wir waren im Keller und sie machten sich Abendessen im Erdgeschoss. Danach hielten sie einen Appell ab und zogen weg. Das war gegen Ende des Krieges. Das ganze Essen blieb stehen, Käse und alles. Wir waren sehr zufrieden.

In der Schule Nr. 18 in der Dębowa-Straße, die damals noch keine Schule war, sondern eine Kaserne, und die Deutschen gingen manchmal raus mit einem großen Hund und einem dressierten Hahn. Alle hatten Angst vor ihnen und vor diesem Hund.

Mit einem Hahn?

Ja, es war ein dressierter Hahn. Alle hatten Angst vor ihm, ich auch.

Ach ja! [Ich erinnere mich noch an] die Fahrten nach Sławków. Dort wohnte die Familie meiner Mutter. Wenn sie Zeit hatte, fuhr sie mit mir dahin, um etwas zu holen, zum Beispiel einen geschlachteten oder einen lebenden Hahn oder eine Henne, denn die wurden dort gezüchtet. So was gab es bei uns nicht. Einmal stieg meine Mutter irrtümlicherweise im Zug in ein Abteil für Deutsche. Sie setzte sich hin und sagte: „Da fällt mir gerade ein, du sprichst doch Deutsch, und du fluchst auch noch auch Deutsch“. Dann begann sie zu beten. Sie holte ihren Rosenkranz hervor und betete. Ich sah sie komisch an, [ich verstand nicht] was sie denn tat. Ich wusste nicht, dass es ein Abteil nur für Deutsche war, aber es saßen Deutsche drin. Sie starrten mich an, weil ich mich komisch verhielt, aber ich fing nicht an zu fluchen. Irgendwie schafften es meine Mutter und ich, damit durchzukommen. Wir kamen in Sosnowitz-Dańdówka an und wussten nicht, was wir mit dem Hahn tun sollten, denn es hieß, dass es beim Aussteigen Kontrollen geben würde. Meine Mutter öffnete das Fenster und schmiss den zusammengeschnürten Hahn in den Graben neben dem Gleis. Wir stiegen am Bahnhof aus. Mein Vater kam mit dem Fahrrad, um mich und den Koffer abzuholen, er kannte die Ankunftszeit des Zuges. Meine Mutter sagte zu ihm: „Ich hatte auch einen Hahn, aber ich habe ihn circa einen Kilometer von hier weggeworfen“. Mein Vater radelte also entlang der Gleise in Richtung Dańdówka und fand den Hahn wieder. Er war heil und ganz.

Wurde jemand in der Familie oder in Eurem Bekanntenkreis verhaftet?

In ein großes Lager wie Auschwitz wurde keiner von meiner Familie eingewiesen, doch unsere Nachbarn wurden häufig wegen Schnapsbrennerei verhaftet. Die Nachbarinnen machten aus allem Möglichen Alkohol, aber es war illegal. Entweder hat jemand das gemeldet oder die Deutschen sind selbst dahintergekommen, aber jedenfalls holten sie eine Nachbarin ab und steckten sie in das Gefängnis in der Radocha-Straße. Man sagte ihr, wenn sie zweimal verhaftet wird, kommt sie beim dritten Mal nach Auschwitz. Als die Russen nach Dębowa Góra kamen, lautete die erste Frage immer: „Kuda Germancy i kuda vodku”. Wo sind die Deutschen und wo ist der Vodka. Mein Vater sagte zu ihnen: „Die Deutschen sind weg, sie sind in den Westen zur Hölle gegangen. Der Krieg ist vorbei“. „Ja, ist ja gut. Aber Alkohol brauchen wir trotzdem“. „Der Nachbar macht welchen“. Also gingen sie zum Nachbarn. Es hätten sowieso alle erfahren. Der Nachbar hatte Alkohol vorrätig, weil er welchen gebrannt hatte. Die Russen wollten gleich alles mitnehmen. Sie hatten solchen Durst auf diesen Schnaps, dass sie am liebsten gleich alles ausgetrunken hätten. Sie sagten zu meinem Vater, der mit ihnen mitgekommen war: „Hör mal. Trink du zuerst ein halbes Glas, damit wir wissen, was das ist!“ Sie hatten Angst, dass es Gift war. Aber es war kein Gift. Sie schenkten meinem Vater was ein und er trank es aus. Sie sahen, dass es ihm gut ging, und packten den ganzen Rest ein. Der Nachbar hatte keinen Alkohol mehr.

Sie verhielten sich nicht mal so schlecht, aber mir ist ein sowjetischer Soldat in Erinnerung geblieben, dessen Verhalten als Vorbild für alle hätte dienen können. Sie parkten ihr Auto vor der Schule, darin waren Lebensmittel, Zucker, Haferflocken. Wir gingen hin, um uns den Soldaten anzuschauen. Er fragte mich: „Hast du eine Mutter?“ Ich sagte, meine Mutter wäre zu Hause. Er antwortete: „Harascho, gut!“ Dann fragte er meinen Freund: „Hast du eine Mutter?“, und der sagte: „Nein, meine Mutter ist tot“. Da wurde der Soldat traurig. Er nahm die Haferflocken raus, schüttete ein bisschen von den Haferflocken in eine Tüte und gab sie mir. Wir aßen sie damals auch trocken, weil wir Hunger hatten. Meinem Freund gab er noch ein bisschen mehr Haferflocken in die Tüte und noch etwas Zucker dazu, weil er keine Mutter hatte. Dieser Junge, Jasiu, hatte so viel Hunger, dass er den Kopf in die Tüte steckte und so hastig aß, dass die Haferflocken in seinem ganzen Gesicht klebten. Ich sah ihm zu und war traurig, dass er so hungrig war.

Bist Du oder sind Deine Geschwister im Krieg zur Schule gegangen?

Meine ältere Schwester ging in der Kriegszeit zur Schule. Nicht in die Schule in Dębowa Góra, denn dort gab es damals noch keine Schule, die wurde erst nach dem Krieg gegründet. Sie ging dort zur Schule, wo heute die Straße des 1. Mai verläuft. Es war recht weit, aber sie ging trotzdem dahin, und wenn Papa Zeit hatte, brachte er sie mit dem Fahrrad dahin. Einmal fing ein Bombenangriff gerade zu der Zeit an, als sie Schulschluss hatte. Flugzeuge flogen umher, Bomben wurden abgeworfen. Die Kinder rannten weg, sie versteckte sich in irgendeinem Keller und fand nicht wieder raus, verlief sich. Sie verschwand. Mutter und Onkel suchten nach ihr. Sie suchten und suchten, und nach zwei oder drei Stunden fand sie endlich wieder aus dem Keller heraus und wurde gefunden. Sie fragten, was sie denn dort gemacht hatte. „Ich habe mich versteckt, weil hier Bomben rumflogen“. Es gab einen Fliegeralarm. Es war schon gegen Ende des Krieges, also war es wahrscheinlich ein Angriff aus dem Osten, um die Deutschen zu vertreiben.

War jemand von Deinen Verwandten in der Heimatarmee? Welche Aufgaben haben sie dort erfüllt?

Meine ganze Familie war in der Heimatarmee. Alle. Nach dem Krieg mussten sie schwindeln, denn die Kommunisten spionierten die Heimatarmee aus und verhörten deren Mitglieder. Da versammelten sich die Kollegen und schrieben einen Brief, in dem sie angaben, in der Volksarmee gewesen zu sein. Da verliehen ihnen die Kommunisten Orden und Auszeichnungen. Die Volksarmee hatte es natürlich auch gegeben, aber das war eine pro-sowjetische Organisation und die Heimatarmee war es nicht. Sie leugneten also die Heimatarmee, um nicht ins Gefängnis zu kommen.

Mein Vater konnte gut auf Bäume klettern. Zu seinen Spezialaufgaben gehörte es, das Gestapogelände zu überwachen. Er kletterte einen Baum hier in Pogoń hinauf, neben dem Bergarbeiterheim, wo die Gestapo ihren Sitz hatte, und von da aus hatte er einen hervorragenden Blick darauf, was die Gestapo machte. Er sah alles, wie sie exerzierten, und er war verpflichtet, zu melden, wie viele Gestapomänner er gesehen hatte, welche Waffen sie hatten und so weiter. Das war die Aufgabe meines Vaters, und seine Aufgaben waren manchmal sehr bizarr. Einmal ging er los, um Gras für die Kaninchen zu holen, denn wir hatten Kaninchen zu Hause. Unter dem Gras hatte er eine Meldung versteckt. Die Deutschen hielten ihn an. „Was ist das?“, fragten sie. Sie suchten und suchten, aber er konnte die Meldung so zusammenfalten [dass sie sie nicht fanden], denn hätten sie die Meldung gefunden, hätten sie ihn eingesperrt. Sie befahlen ihm, das Gras wegzuwerfen, aber er war durchgekommen. Sonst wäre er ins Gefängnis gekommen und ich weiß nicht, ob er wieder rausgekommen wäre.

In der Grube passierten noch größere Wunder. Mein Vater baute in seiner Werkstatt eine gelötete Blechwand ein. Es sah aus wie eine ganz normale Blechwand. Aber hinter dem Blech war in der Wand ein Fach, in dem Meldungen, Berichte usw. aufbewahrt wurden. Der Chef dieser Werkstatt war ein Mann aus Szopienice, ein Schlesier. Als er Anfang des Krieges in die Werkstatt kam, sagte er zu meinem Vater und den anderen [Mitarbeitern]: „Hier wird nicht geraucht, ihr Lumpen! Sonst verbrennt das Holz noch! Nur ich darf hier rauchen“. Dann setzte er sich in die Mitte und rauchte. „Ich rauche jetzt. Ihr dürft nicht“. Sie machten sich über ihn lustig. Er war Schlesier und den Deutschen treu. Mein Vater versteckte also das alles hinter der Wand, dann kam jemand von der Heimatarmee, nahm die Meldung entgegen oder hinterließ da etwas und ging wieder weg. So ein Geheimfach war das.

Waren noch mehr Arbeiter in der Grube Mitglieder der Heimatarmee?

Es waren noch einige in der Heimatarmee, aber manche wussten es vielleicht gar nicht. Sie wussten nur, dass sie einer Widerstandsbewegung angehörten und gewisse Sachen melden mussten. Wenn sie einen Deutschen beobachten konnten, mussten sie melden, was er tat. Das war ihre Pflicht. Sie hatten in der Heimatarmee den gleichen Status wie die gewöhnlichen Soldaten. Die Heimatarmee war die größte Organisation und alle Brüder meines Vaters waren auch Mitglieder.

Wie ging der Krieg für Opa und seine Brüder aus? Hatten sie Probleme wegen ihrer Zugehörigkeit zur Heimatarmee?

Es kam vor, aber sie haben es überstanden. Alle außer Feliks. Feliks wurde gegen Ende des Krieges verhaftet und ins Lager nach Myslowitz deportiert. Dort kam er ums Leben. Er war der wichtigste, denn er hatte eine Funktion in der Heimatarmee, er war nicht nur ein gewöhnlicher Soldat. Sein Bruder Wacław wurde nach Gleiwitz entsandt, wo er bei der Bahn arbeiten sollte. Dort blieb er auch viele Jahre nach dem Krieg. Das war komisch, erst kämpfte er gegen die Bolschewiken und dann sagte er: „Was bleibt uns schon übrig, wenn die Bolschewiken schon hier sind. Sie sind zu viele, wir schaffen das nicht“. Das war seine Haltung. Seine Brüder meinten: „Das können wir aber nicht zulassen, das ist doch ungerecht“. „Ja, das ist es, aber wir können ja keinen Dritten Weltkrieg auslösen wie diejenigen, die noch im Wald sitzen“. Denn die Partisanen versteckten sich in den Wäldern. „Sie wollen den Dritten Weltkrieg und veranstalten im Wald Gottesdienste, um dafür zu beten. Wir können diesen Krieg doch nicht gewinnen, wie auch? Die sowjetische Armee ist riesig und wird auch noch vom Westen unterstützt.“ Das war die Haltung. Später sagten sie [die Brüder], dass Wacław Recht gehabt hatte. Es war nicht schön, sich dem Kommunismus zu unterordnen, aber sie hatten keine Wahl. Das sagte er und das sahen auch seine Brüder später ein. Trotzdem war es nicht schön für sie, ganz besonders nicht für Wacław selbst, der 1920 [vom polnisch-sowjetischen Krieg] halb tot zurückgekehrt war. Er war 17 Jahre alt, als er sich freiwillig [zum Militär] meldete. Er log, dass er 18 sei, und ging durch alle Fronten. 

Hast Du noch interessante Erinnerungen aus der Nachkriegszeit?

Einmal kam ein UB-Mann [UB war der polnische kommunistische Staatssicherheitsdienst] in ein Gebäude, das wir „Lazarett“ nannten, weil sich darin im Ersten Weltkrieg ein Lazarett befand. Das war ein großer, primitiver Betonbau. Verschiedene Leute wohnten da. An einem Fenster konnte man „bumm, bumm, bumm“ hören, also hörte jemand [Radiosendungen aus] London, an einem anderen Fenster das Signal des Radios Freies Europa. Ich saß in dem Haus mit meinem Freund Donek, als der Mann reinkam. „Du, das ist doch ein Spitzel, ein UB-Mann?“ Wir bekamen es mit der Angst zu tun: was, wenn er nicht die [Radiohörer] suchen, sondern einfach uns beide verhaften würde? Wir wohnten eigentlich auf der anderen Straßenseite, in den Häusern gegenüber. Wir hatten eine Blechwanne zum Spielen und schmissen sie die Treppe runter. Das war ein Lärm! Der UB-Mann haute ab. Zwei Nachbarn kamen raus, der eine hieß Cieślak, der andere glaube ich Marczak, und sie begannen einander zu beschimpfen, weil jeder glaubte, der andere hätte den Lärm gemacht. Wir saßen ganz still in einer Ecke und hauten ab, als sie begannen, sich zu prügeln. Dann sahen wir noch den Spitzel, wie er sich im Gebüsch versteckte. Das war eine dumme Geschichte. Eine blöde Idee. [Es war verboten, Radio Freies Europa zu hören] Wir haben nicht gelauscht, wir hatten es nur gehört und erkannt, denn wir kannten dieses Signal, Papa hatte es zu Hause auch gehört: „bumm, bumm, bumm“. Das war [die Sendung aus] London. Dann sah er immer aus dem Fenster und schloss es. Ein paar Jahre nach dem Krieg war ich zu einer Feier bei seinem älteren Bruder Józef eingeladen, in der Skautów-Straße, in dem großen Haus. Jemand schaltete einen Pianowettbewerb ein, doch plötzlich wurde der Sender umgeschaltet: „bumm, bumm, bumm“. Die Sendung aus London. Die Oma sprang auf, lief zum Fenster und sagte: „Kein Hurensohn soll uns hier belauschen“. Das war aber schon 1957. Die Leute hatten Angst.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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