Barbara Wyciszkiewicz
Barbara Wyciszkiewicz ist am 30. November 1946 in Kattowitz geboren. Sie lebt mit ihrem Mann Jerzy in Łopuszno. Sie hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Sie hat als Sachunterrichtlehrerin an einer Grundschule gearbeitet.Verständlicherweise kannst Du Dich nicht an den Krieg erinnern, aber unseren Familiengeschichten habe ich entnommen, dass Du mir etwas über das Schicksal Deiner Eltern erzählen kannst. Fangen wir mit Deiner Mutter an. Was kannst Du mir über ihr Schicksal in der Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählen?
Wie Du bereits gesagt hast, kann ich mich nicht an den Krieg erinnern, da ich erst nach dem Krieg geboren bin, aber meine Mutter hat mir einiges erzählt. Meine Mutter ist im Jahre 1925 geboren, sie war also 14 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Am zweiten Kriegstag, während eines Luftangriffs auf Kattowitz, wo ich geboren bin und wo auch meine Mutter herkam, starb meine Großmutter unglücklicherweise an einem Herzinfarkt, als sie mit meiner Mama, ihrem Bruder und ihrer Schwester auf der Flucht in ein Luftschutzbunker war. Für die Kinder war es eine furchtbare Erfahrung, meine Mama war damals erst 14, ihr Bruder war drei Jahre jünger und die Schwester ein Jahr älter als sie. Das war ein wahres Trauma, der deutsche Einmarsch in Polen, der Luftangriff, und dann noch der Tod der Mutter. Das hat das Schicksal und den Charakter meiner Mama ziemlich stark geprägt, sie wurde eine sehr starke und tüchtige Person. Sie musste immerhin irgendwie zurechtkommen.
Wie die meisten schlesischen Kinder musste Mama auf eine deutsche Schule gehen, das war Pflicht. Sie absolvierte eine deutsche Berufsschule und musste arbeiten gehen. Sie hat in einer bekannten Seifenfabrik gearbeitet. Ich glaube, der Besitzer war ein Deutscher, er hieß Kołłątaj. Die Fabrik war wirklich sehr bekannt. Später hat Mama mir erzählt, dass sie dort zur Kriegszeit Fett verarbeitet haben, das aus dem Konzentrationslager Auschwitz gebracht wurde. Es wurde der Seife oder auch anderen Zutaten hinzugefügt. Mama hat mir nur so viel erzählt, dass es sehr schädlich war für die Frauen, die dort arbeiteten, insbesondere für Schwangere. Die Kinder kamen sehr krank zur Welt, wenn sie denn überhaupt zur Welt kamen. Ich glaube, meine Mama hat dort bis zur Befreiung gearbeitet.
Meine Mutter stammte aus einer schlesischen Familie. Deren Schicksal war sehr kompliziert, wie auch die Schicksale vieler Familien aus Schlesien. Mein Großvater war Aufständischer und nahm an den drei Aufständen in Oberschlesien teil, doch seine zwei Brüder sprachen sich für Deutschland aus und zogen nach dem Krieg dorthin.
In all dem Unglück hatte meine Mutter einmal ein wenig Glück. Als sie in der Seifenfabrik arbeitete, kam eines Tages die Gestapo und suchte Leute zur Deportation nach Auschwitz aus, ich weiß nicht, warum, das hat sie mir nie erzählt. Überraschenderweise fragte einer der Gestapomänner die jungen Frauen, denn in der Fabrik arbeiteten nur junge Frauen, nach ihren Namen. Als Mama ihren Namen nannte, fragte er, ob sie mit Herrn Wiechoczek, dem eine der Fabriken in Kattowitz gehörte, verwandt sei. Mama sagte, er sei der Bruder ihres Vaters. Das hat ihr das Leben gerettet, denn sie wurde aus der Kolonne rausgenommen, die nach Auschwitz gebracht werden sollte.
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Seit meine Oma, die Mutter meiner Mutter, am 2. September an einem Herzinfarkt gestorben war, musste meine Mutter schnell erwachsen werden.
Ihre Schwester war zwar älter, doch sehr schwächlich, sie starb später im Laufe des Krieges an einer Lungenentzündung. Ihr Bruder war jünger, deshalb musste sich meine Mutter alleine um den Haushalt und die Arbeit kümmern. Alle jungen Leute wurden nach der Schule gezwungen, arbeiten zu gehen. Ich weiß noch, dass sie sich ziemlich verbittert daran erinnerte, dass ihr die Kindheit geraubt wurde.
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Ich erinnere mich auch, dass meine Mutter als junges Mädchen beim Bahnschutz oder etwas Ähnlichem gearbeitet hat, denn auf einem Foto trägt sie eine deutsche Uniform. Ich kann das nicht einordnen, sie hat nie davon gesprochen. Ich weiß nur, dass sie irgendwo bei einem uniformierten Dienst war.
Ebenso interessant ist auch das Schicksal Deines Vaters, der unter anderem Zwangsarbeiter in Deutschland war. Was kannst Du mir über ihn erzählen?
Ich könnte viel Gutes über ihn erzählen, aber ich beziehe mich erst mal konkret auf die Frage über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Meine Eltern haben sich gegen Kriegsende kennengelernt.
Als kleines Kind habe ich immer wieder gefragt, warum mein Papa keine Finger an der linken Hand hatte. Anfangs machte er nur einen Scherz daraus, erst als ich etwas älter geworden war, erzählte er mir, wie es dazu gekommen war. Wie viele andere junge Männer wurde er in der Kriegszeit zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Soweit ich weiß, hat er in einer Fabrik bei Dortmund gearbeitet. Ich weiß nicht mehr, ob es eine Schreinerei, ein Sägewerk oder eine Möbelfabrik war, auf jeden Fall hatte es mit Holz zu tun.
Dort schnitt im bei der Arbeit eine Maschine die Finger an der linken Hand ab. Später lag er im Krankenhaus, ich glaube in Dortmund. Nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte, eignete er sich nicht mehr als Zwangsarbeiter, denn er war ja körperlich behindert. Er kehrte zurück nach Hause, nach Polen. Meine Eltern haben mir erzählt, dass mein Vater nach dem Krieg – ich weiß nicht genau wann, ich war damals eine kleines Kind – eine Invalidenrente bekam, natürlich von dem polnischen Staat. Diese Invalidenrenten waren lachhaft. Erst als das sogenannte Tauwetter [eine politische Auflockerung im kommunistischen System] kam, ich glaube in den 1970er Jahren, zu Giereks Zeiten [Edward Gierek – erster Staatssekretär der Volksrepublik Polen 1970-1980], entstand die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung und sie fanden in ihrem Archiv auch die Dokumente meines Vaters. (Berichtigung: der Vater meiner Großmutter bekam die Rente ab 1988, die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung wurde aber erst 1991 gegründet.)
Nach vielen Jahren erhielt mein Vater nun auch eine Rente unmittelbar von dem deutschen Staat. Diese Rente wurde jeden Monat auf ein Konto in der Bank PKO SA eingezahlt, denn nur dort wurden damals andere Währungen akzeptiert und die Rente wurde in D-Mark ausgezahlt. Zudem hat der deutsche Staat meinem Vater das Geld für all die Jahre berechnet, in denen er keine Rente bezogen hatte, ich weiß nicht, ab welchem Jahr genau. Ich war bereits erwachsen, als Papa ein Schreiben erhielt, in dem stand, dass ihm so und so viele Tausend Mark zustehen. Ich glaube, das waren über zehntausend oder sogar mehrere zehntausend Mark, damals war das sehr viel Geld. Natürlich hat der polnische Staat meinen Eltern dieses Geld zum niedrigsten möglichen Wechselkurs ausgezahlt, und nicht nur ihnen. Ich glaube, sie waren damals nicht die Einzigen, mit denen so verfahren wurde. Daher war es nicht so viel Geld, dass es meinen Eltern im späteren Leben hätte helfen können oder dass sie sich davon viel hätten leisten könnten. Sie waren ein bisschen verbittert deswegen.
Glaubst Du, dass das Schicksal Deiner Eltern Dich irgendwie beeinflusst hat, Dein Leben, Deine Weltanschauung?
Ich glaube schon. Ich habe die deutsch-polnischen Angelegenheiten immer ein bisschen anders betrachtet. Nachdem ich 1968 geheiratet hatte, zog ich in die Region Kielce, in die Woiwodschaft Heiligenkreuz. Ich erinnere mich, dass es mir immer sehr wehtat, wenn meine Bekannten sagten: „Wie? Du kannst kein Deutsch? Du kommst doch aus Kattowitz, aus Schlesien, Du bist doch Deutsche.“ Das war damals das vorherrschende Klischee. Das war vor mehreren Jahrzehnten, heute sind die Zeiten anders, heute glaubt das keiner mehr. Aber damals hat es mir sehr wehgetan, weil ich mich immer als Polin empfunden hatte und nicht verstehen konnte, warum sie glaubten, dass ich Deutsche wäre und Deutsch sprechen müsste?
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Da wäre noch was Interessantes. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre fuhr ich zum ersten Mal nach Deutschland. Damals durften nicht alle über die westliche Grenze, man musste einen Reisepass haben, ein Visum beantragen, das war alles sehr umständlich. Ich war sehr überrascht von den Deutschen. Ich habe damals einen Kurort besucht, da gab es nicht viele Einheimische, sondern lauter Hotels und Pensionen. Außer uns beiden gab es dort keine Polen. Ich war sehr überrascht, wie herzlich wir empfangen wurden, sowohl von der deutschen Jugend – ich war damals auch noch jung – als auch von der älteren Generation. Das hat mich sehr positiv beeindruckt. Später habe ich Leuten, die sich nicht allzu positiv über die Deutschen äußerten, immer widersprochen, auch in Polen, denn meine Meinung war nun mal anders.
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