Familiengeschichten
Karl Jüsten
Interview aufgezeichnet: von Lage(Lippe), NRW, Germany 21.10.2015

Karl Jüsten

Karl Juesten wurde in Westdeutschland geboren. Nach seinem Schulabschluss wurde er mit 17 Jahren in die deutsche Armee eingezogen. Er musste in einem Arbeitslager in Deutschland arbeiten. Nach einer kurzen Zeit wurde er in das französische Calais überstellt, wo er Waffenbunker bauen sollte.

Im August 1943 wurdest du zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Wie lief das ab?

Ich war fertig mit dem Einjährigen in der städtischen Oberschule in Essen/Kettwig, nach dem Krieg wurde es zum Gymnasium. Es war bis dahin noch kein Gymnasium, unterrichtet wurde aber wie in einem Gymnasium. Ich hätte nach Mülheim/Ruhr [zur weiteren Bildung] gemusst, dass war aber schon 1943, seit vier Jahren war schon Krieg und es war verboten, nach Mülheim/Ruhr zu fahren. Das waren 10 km von Essen/Kettwig aus. Bei der Entlassung aus der Schule hat mich der Schulleiter angehalten, ein Nazi, [und sprach mich an] ich möchte doch zur Waffen-SS, da könnte ich eine gute Ausbildung machen, die bildeten Soldaten aus, genau wie heute auch. Man kann ja ein Ingenieurstudium bei der Bundeswehr machen. So ähnlich war das damals auch. Das war natürlich nur vorgeschoben. Ich war von zu Hause aus und im Allgemeinen gegen die Formation der damaligen Zeit. 1943 war ich 17 Jahre alt und wurde zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und zwar nach Beendigung der 10. Klasse.

Dann wurde ich nach Burg-Niedergenmünden bei Gießen eingezogen. Bei Gießen war ein Arbeitsdienstlager, da wurden wir – ich will nicht sagen: schikaniert, aber doch militärisch ausgebildet. Erst noch mit Spaten, nach Wochen wurde der Spaten abgelegt und man bekam ein Gewehr. Nach vielleicht 6 oder 8 Wochen wurden wir nach Frankreich transportiert, zum Bau von Lagerbunkern für die F-Waffe, in Boulogne-sur-mer, am Meer, bei Calais. Wir sind morgens auf die Baustelle rausgegangen, das war wohl ein Steinbruch und eine Kiesgrube. Das weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls [lag es] in einer Senke und dort wurden diese Bunker gebaut. Das ging ein Dreivierteljahr lang bis zur Landung der Alliierten in Cherbourg. Danach haben wir uns zwar noch bei Calais aufgehalten, bis die Truppen der Alliierten auf Calais zurückten, sodass wir dann flüchten mussten. Bis dahin haben wir daran gearbeitet, immer noch in dem Glauben der Nazis, man könnte etwas gegen England abschießen. Das ist aber wohl nie zum Zuge gekommen. Dann sind wir geflüchtet. Die Flucht ging Richtung Belgien. Dort kam es dann zur Schießerei, an der auch Partisanen beteiligt waren. Ich bin leicht verwundet worden und kam in ein Lazarett in Utrecht in Holland. Überall waren kriegerische Zustände, Alarm und Flieger, und England lag als Startbahn der Bomberverbände in Nordfrankreich und Holland vor der Türe. Also kam es fortwährend zur Lufttätigkeit.

Nach acht Tagen im Lazarett wurde ich in einen Eisenbahnzug [gesetzt] und nach Ibbenbüren bei Münster gefahren. Da kam ich zur Genesung, also zur [Wieder-]Herstellung meiner Gesundheit.

Ich wuchs in Öfte/Kettwig in einer christlichen, religiösen Familie auf, geprägt von freiheitlichem Denken. Ich war also nicht unter vielen Genossen aufgewachsen, ich war eine Einzelperson. Ich habe es verstanden, mich überall zurückzuhalten. Das ist nicht jedem gegeben gewesen, leider nicht. Viele sind in dem Trubel untergegangen und haben an das geglaubt, was damals propagiert wurde.

Außerdem hatte ich einen Onkel, der gegen die Nazis war und der mir immer Geschichten erzählt hat. Also habe ich es nicht so schwer gehabt, es zu verstehen wie man sich in der Zeit zu verhalten hatte. Natürlich standen in der Zeitung die Gefallenen, so dass man Bedenken bekam, wie sehr das eigene Leben in Gefahr war.

Die Alliierten bombardierten die Großstädte, aber wir lebten ländlich, obwohl mitten im Ruhrgebiet. Das war ein großes Glück für mich, das andere nicht hatten. Ich bin nie in Nazikreisen hochgehoben worden. Ich habe mich nie [mit Nazis] aufgehalten, mich liiert oder verbunden gefühlt, so dass ich auch keiner Verführung unterlag. Ich war zum Glück in dem Alter, in dem ich erkennen konnte, wie ich für mich und meine Familie handeln musste. Dass man sich nicht in Leichtsinn begab. Meine Eltern haben sich zurückgehalten mit Für- oder Gegensprechen. Sie haben sich weniger geaüßert. Aber die Stimmung war nicht besonders für das Hitler-Regime eingestellt. Aber in dem Alter, in dem ich damals war… Es geht dir ja ähnlich, du würdest das ähnlich gut übersehen können und überstehen können. Das ist natürlich etwas anderes, wenn man eine lange Lebensgeschichte schon hinter sich hat. Als ich in deinem Alter war, war es nicht so schwer, die Sache über sich ergehen zu lassen. Hunger hatten wir nicht, wir hatten alles zu Hause. Weil wir ländlich lebten und zwei große Gärten hatten, konnten wir alles selber produzieren. Uns ist es relativ gut gegangen in der Zeit, in der es vielen Menschen ganz schlecht ging.

Das war meine erste Erfahrung, die ich gleich in den ersten Wochen machen konnte, als wir noch nicht in Frankreich waren. Ich war mit Jungs zusammen, die aus dem Düsseldorfer Hafengebiet kamen und kommunistische Einstellungen gegen den Nationalsozialismus hatten, mehr als ich es hatte. Kommunisten waren wir zu Hause nicht.

Unter uns wurde Stimmung gemacht gegen den Nationalsozialismus, innerhalb des Arbeitsdienstes. Das war hochinteressant für mich. Manche hatten Gitarren dabei, spielten Gitarre und sangen im Lager Lieder gegen die Nazis, so dass mir der Schauer über den Rücken lief, wenn ich mir das ansah und anhören konnte, musste und sollte. Das war hochinteressant. Ich konnte das vorher nie erleben. Sie waren so gegen den Nationalsozialismus eingestellt, dass wir daraufhin schikaniert wurden. Die Führerschaft hatte das natürlich gemerkt, dass da was nicht stimmte, und daraufhin haben sie uns tüchtig schikaniert durch Exerzieren und straff Marschieren. Als wir in Frankreich waren, stand ich mit einem Joseph Sack Wache. Er erzählte mir:

„Wenn wir mal zum Einsatz kommen, dann schieße ich nach hinten“. Er wollte also auf seine eigenen Offiziere schießen. Eine solche Redewendung war für mich bis dahin nicht vorstellbar. Aber er hat es gesagt, wahrscheinlich in dem Vertrauen, dass ich seine Gedanken einsehen könnte und ich mich nicht aüßern würde über ihn. Wenn das geschehen wäre, hätten sie ihn sofort abgeführt und verhaftet. Wer so etwas sagte, der war in höchster Lebensgefahr.

Wie war das denn in Frankreich, also mit der Bevölkerung vor Ort, hatten die Deutschen damit was zu tun?

Ich würde sagen, es war erstaunlich friedlich. Natürlich war Frankreich auf Deutschland nicht gut zu sprechen, aber unter den Menschen habe ich das eigentlich nicht so empfunden.

Mit der Bahn sind wir nach Paris gefahren, in Uniform, aber ohne Waffen in der Tasche oder in der Hand. Ich würde sagen, der Umgang im Einzelnen, im Kleinen, war erstaunlich friedlich.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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