Familiengeschichten
Oleh Pavlisch
Interview aufgezeichnet: von Kryvyi Rih, Ukraine 26.09.2015

Diaries

Oleh Pavlisch

Oleh Pavlish wurde am 20. Juni 1971 in Krywyj Rih, Ukraine, geboren. Er ging zur Schule Nr. 61. Nach dem Abschluss der 8. Klasse im Jahr 1986 bereitete er sich auf die Fachschule. Er machte eine Lehre als Karatetrainer Mine зварювальник. Er hat zwei Kinder – Alina (geboren 2001) und Valerija (geboren 1996). In diesem Interview erzählt Oleh von seinem Großvater, seinen Kindheitserinnerungen. In dieser Erzählung geht es hauptsächlich um die Tagebücher seines Großvaters. Diese Tagebücher beschreiben das ganze Leben: die Familie, die Jugendzeit, die Kriegsjahre, die Repressionen und Momenten, woran sein Großvater sich gern erinnert.

Mein Name ist Pawlysch Oleg Heorhijewytsch, geboren am 20. Juni 1971 in Krywyj Rih. Ich ging in die Schule № 61, die in der Nähe von der Station Rokowata liegt. Meine Familie war sowjetisch. Ich habe zwei Töchter: Valeria (geboren 1966) und Alina (2001). Meine Ehefrau, Pawlysch Olena Oleksijiwna ist Geographielehrerin in der Schule. Unsere Familie lebt hier, im Familieneigentum. Dieses Haus wurde von meinem Urgroßvater Ambrosius gebaut. Mein Großvater Mykola Opanasowytsch Pawlysch lebte hier mit Olena Petriwna. Wir lebten hier mit unseren Eltern, gegenüber dem Haus bauten meine Eltern noch ein Haus. In diesem Haus wurde ich und mein Bruder Dmytro geboren. Als ich 5 Jahre alt war, zogen wir in ein neues Haus. Dann heiratete ich. Seit 2. Oktober 1998 lebte ich in dem Haus. Ich und mein Bruder mit den Familien.

Meine Mutter heißt Walentyna, mein Vater heißt Heorhij. Mein Großvater Mykola Opanasowytsch ist Vater meines Vaters. Der Vater wurde 2007 gestorben, ich wünsche ihm Himmelsreich, meine Mutter ist lebendig noch, sie ist Rentnerin. Das ganze Leben arbeitete sie als Buchhalterin bei einer Werkstatt. Der Vater arbeitete als Berbaumeister in der „Hwardijsjka“ Schachta. Er hat Erz für das Land gewonnen.

Seit meiner Kindheit erinnere ich mich an unser Leben in diesem Haus. Unser Haus war am Rande des Dorfes. Dort gab es Weiden, Wiese, Bach. Wenn wir klein waren, legte meine Großmutter eine Decke und wir spielten. Und dann war da noch ein Fluß. Als ich 5 Jahre alt war, nahm ich eine Schaufel, um einen Schatz zu suchen. Wahrscheinlich war mein Grube tief.

Seit 1928 haben wir Kürbisse, die drin leer und mit einem Seil waren. Dank diesen Kürbissen lernte mein Großvater schwimmen. So lernte ich auch. Wir gingen zum Fluß, wenn hier noch keine Kleingarten gab. Diese Kleingarten wurden noch in 80-ern gebaut. Früher wuchsen dort Schilf und Weiden. Dorthin gingen wir zum Schwimmen. Wenn das Wasser sauber war, konnten wir nicht uns anstecken. Ich erinnere mich, dass ich meine Beine durch das Wasser sah.

Ich hatte einen sehr strengen Großvater. Da mein Großvater Lehrer war, haben ihn einige Leute nicht bei seinem Vornamen genannt. Er wurde „Panasovych“ im Dorf genannt. Mein Opa hatte Autorität, alle respektierten ihn immer. Ich traf viele Leute in meiner Mine, wo er früher gearbeite. Als sie meinen Namen hörten, fragten sie: „Ist Mykola Opanasovych Ihr Verwandte?“ Ich antwortete: „Ja, er ist mein Großvater!“ Alle erzählen nur Gutes von ihm. Er war ein sehr strenger und guter Lehrer. Ich fühlte es selbst, als ich mich nach der 8. Klasse auf die Fachschule vorbereitete. Ich ging zu meinem Großvater und bat ihn, mir bei der Mathematik zu helfen. Als Ergebnis war ich in Mathematik und bei allen Prüfungen erfolgreich. Ich denke, es ist wegen der Arbeit meines Großvaters. Außerdem hat er mir seine gute Gene übergegeben.

In der Regel schätzen wir die Menschen mehr, nachdem wir sie verloren haben. Ich habe mich nicht so sehr in das Leben des Großvaters vertieft. Als kleines Kind mochte ich lieber laufen und spielen. Nachdem ich aus der Armee zurückgekommen war, ging ich zu meinem Großvater und fand ihn im Garten. Er fragte immer: „Lass uns ein bisschen arbeiten?“ Ich antwortete: „Lass uns arbeiten!“

Einer der Hauptvorteile, die meine Großeltern weitergegeben hatten, ist, glaube ich, die Liebe zur Musik. Mein Großvater hatte sein ganzes Leben Akkordeon gespielt (er wurde 1916 geboren). Und ich begann im Alter von 6 Jahren Akkordeon zu spielen. Alle unsere Familienfeste, während die Großeltern Gäste hatten, waren immer voller Spaß und Glück. Viele Volkslieder erklangen und mein Großvater spielte Akkordeon. Opa hatte nie Musiknoten gelernt, aber ich kannte das Lied „Abschied von Slavianka“. Also lernte ich die Noten und meinen Großvater.

 

Ich erinnere mich, dass unser Großvater ein ernsthafter und kluger Mann war, der nie geraucht hatte. Beim Fest oder bei anderen Gelegenheiten trank er nur ein bisschen Alkohol. Als ich aus der Armee zurückkam und ihn besuchte, arbeitete er im Garten. Ich sagte: „Opa, ich bin gekommen!“ Dann begann mein Großvater zu weinen.

Er arbeitete im Garten und spielte Akkordeon bis zur letzten Minute seines Lebens. Mein Großvater starb mit 79 und ein halbes Jahr. Er führte den Haushalt selbst, arbeitete im Garten, ging zum Laden und schürte sogar den Ofen. Leider konnten wir die Gasleitung früher nicht in seinem Haus installieren. Zu diesem Zweck hatten wir den Schornstein bereits, konnten aber die Gasleitung dort nicht installieren. Er machte alles selbst. Er war stark.

 

Als ich ein kleiner Junge war und zusammen mit meinen Großeltern hier lebte, zeigte ich nicht viel Interesse an ihrem Leben. Mein Großvater arbeitete als Lehrer. Er erzählte mir etwas über den Krieg, weil er dort verletzt war. Er hatte eine kleine Plastikplatte, weil er von einer explodierenden Granate verwundet worden war. Ich kann mich immer noch daran erinnern, wie ich bei meinem Großvater im Bett lag und an dieser Wunde klopfte. Ich konnte etwas unter meinen Fingern spüren – etwas wie eine kleine Plastikplatte. Aber im Allgemeinen sprach er nicht gerne über den Krieg, weil Großvater nicht direkt in Kriegsgefechten verwickelt war. Er hatte den sogenannten Status „Bronia“ (Panzerung erster Kategorie), weil er zu dieser Zeit ein sehr fähiger Lehrer war, so dass er vom Militärdienst befreit wurde. Er konnte einige andere Rabatte nutzen. Üblicherweise erworben die Menschen mit sportlichen oder anderen Leistungen diesen Status.

Ich sah nie, wie mein Großvater seine Tagebücher schrieb. Wahrscheinlich würden Sie fragen, warum. Meine Großmutter Olena Petrivna starb 1983. Seit Winter 1984 besuchte mein Großvater seinen jüngsten Sohn Valerii. Er hatte zwei Söhne – Heorhii und Valerii. Beide gingen 1974 in den Norden, um dort die Stadt Kostomuksha zu bauen. Valerii heiratete und blieb dort. Er hatte eine Frau und zwei Kinder – Sasha und Olya.

Hier sind die Tagebücher, über die ich spreche. Mein Großvater nannte sie “autobiografische Geschichten”. Normalerweise schrieb er im Winter, während er bei seinem Onkel Valera blieb. Im Winter hatte er viel Freizeit, deswegen schrieb er seine Erinnenrungen. Unser Onkel Valera lebte in der Wohnung, wo mein Großvater im Winter viel Zeit mit dem Schreiben verbrachte. Hier, in diesem Haus, beschäftigte er sich gewöhnlich mit dem Haushalt und sobald er sich ein wenig Ruhe leisten konnte, spielte er Akkordeon.

Diese Notizen haben wir noch nicht gesehen. In seinen Tagebüchern steht „Für Heorhii“. Das ist für meinen Vater, für seine Kinder – für uns. Ich habe viele interessante Dinge aus diesen Notizen gelernt. Aufgrund dieser schriftlichen Aufzeichnungen konnte ich viel über unsere Familie lernen und hatte daher den Wunsch, einen Familienstammbaum zu bauen. Hier ist es: von Pavlish Amvrosii und Mariya Andriyiivna (vätterlicherseits), Semen Suprun und Petro Chaika (mütterlicherseits). Es ist nur ein kleiner Teil unseres Stammbaums, der sich auf Mykola Opanasowitsch und Olena Petrivna bezieht.

Das ist Familienarchiv. Mein Großvater hatte sein eigenes Büro im Haus, aber es war immer etwas, was für mich unerreichbar war. Es gab einige Schränke mit Büchern. Normalerweise durfte ich dorthin gehen und ein Buch nehmen, aber nur mit der Erlaubnis meines Großvaters. Trotzdem war es eine Art Zufluchtsort für mich. Nachdem mein Großvater gestorben war, brachten wir die Dinge wieder in Ordnung. Einige Bücher wurden weggeworfen, andere lagen noch in der Bibliothek. Ich habe viele interessante Fotos in den Bücherschränken gefunden. Diese Fotos stammten aus den 20er oder 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Wir halten sie hier. Ich bringe meinen Töchtern bei unsere Geschichte zu lernen. Ich möchte auch, dass sie die Werte wie „Familie“, „Tradition“ und „Respekt vor Älteren“ schätzen.

Dort fand ich auch eine Todesmeldung. Großvaters Bruder kämpfte im Ausland und verschwand spurlos. Deswegen schickte mein Großvater seine Briefe ins Ausland, weil er das Schicksal seines Bruders Hryhorii wissen wollte.

Ich glaube, dass mein Großvater eine wichtige Rolle in meinem Leben spielte, besonders wegen der Bildung und Musik. Und mein Großvater lehrte mich, auf dem Land zu arbeiten. Ich genieße es im Garten zu arbeiten. Dafür würde ich ihm „Vielen Dank“ sagen. Und ich sage jetzt: „Schau mal, Opa, das war unser altes Haus, aber wir versuchen es immer zu erneuern, das heißt, es besser zu machen.“ Ich möchte wirklich, dass sie uns vom Himmel sehen.. Sie sollen sich freuen, dass sie ihr Leben nicht vergeblich verbrachten.

Ein Auszug aus dem Tagebuch meines Urgroßvaters:

Der Zweite Weltkrieg begann in meiner Jugend – am ersten September 1939. Ich erkannte das, als ich bei der Arbeit war. 1940 berichteten die Zeitungen über die Fortsetzung des Krieges im Europa. Die UdSSR begann eine Teilmobilisierung. Am 22. Juni 1941 begann der Große Vaterländische Krieg. Im Bozhedarivsker Klub war ein Film gezeigt worden, nach dem Stalin oder Molotow (ich erinnere mich nicht daran) an die Nation aus dem Rundfunklautsprecher gerichtet wurde. Die Anwohner fingen an, Papierkastenstreifen kreuzweise durch ihre Häuser zu kleben. Die Flugzeuge flogen, aber summten keine Bomben. Der Krieg begann. Nur für den Fall von Bomben, Beschuss oder Feuer habe ich meine Hemden und andere Dokumente die nicht in einen Koffer passten, vergraben. Es wurde nicht daran gedacht, was man wirklich benötigt, um evakuiert zu werden. Der Großteil der Bevölkerung lebte während des Krieges in sehr schlechten Bedingungen. Es gab keine organisierte Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoff usw. Die Unternehmen funktionierten nicht. Die Mitarbeiter von Bergwerken, Fabriken und die Stadtbewohner wurden gezwungen, auf Kolchosen zu arbeiten, die später als „Hromhosp“ (ziviler Haushalt) benannt wurde.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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