
Stanisław Baszowiecki
Stanisław Baszowiecki ist am 26.05.1940 im Dorf Przemiwółki in der Woiwodschaft Lemberg geboren. Aufgrund von Repressalien musste er sein Heimatdorf verlassen und sich nach Lemberg begeben. Im Rahmen der Repatriierung wurde seine Familie in die sogenannten "Wiedergewonnenen Gebiete" umgesiedelt. Seine Eltern hatten einen Bauernhof. Stanisław bildete sich im Bereich Landwirtschaft fort, arbeitete als Lehrer und Bildungsinspektor in Prudnik. Heute wohnt er in Breslau mit seiner Frau Barbara. Sie haben 3 Töchter, 6 Enkelkinder und 2 Urenkel.Ich wurde 1940 im Osten geboren, in der Woiwodschaft Lwiw, auf dem Lande. Meine Eltern hatten einen Bauernhof. Ich habe zwei Geschwister, mein Bruder ist 11 Jahre älter als ich, meine Schwester ist 5 Jahre älter. Im Krieg mussten wir vor den Ukrainern nach Lemberg flüchten. In Lemberg haben wir die russische und die deutsche Besatzung erlebt. Als mein Vater vom Krieg zurückkam, zogen wir in den Westen. Wir ließen uns in dem Ort Boguchwałów im Kreis Głubczyce in der Woiwodschaft Oppeln nieder. Dort absolvierte ich die Grundschule, anschließend die landwirtschaftliche Berufsfachschule und danach ein zweijähriges Lehramtsstudium mit den Schwerpunkten Landwirtschaft und Pädagogik. Ich bekam eine Anstellung in einer landwirtschaftlichen Schule im Kreis Świdnica.
Nachdem ich meine einjährige Wehrpflicht absolviert hatte, kam ich zurück nach Hause. Dort lernte ich meine künftige Frau Barbara kennen, wir heirateten und begannen, im Schulwesen zu arbeiten. Sie arbeitete an einer Grundschule und ich an einer landwirtschaftlichen Schule. Nach mehreren Jahren wurde ich zum Bildungsinspektor im Bereich landwirtschaftliche Bildung in Prudnik berufen. Ich sollte ein neues Netzwerk von sogenannten „Dreiwinter-Landwirtschaftsschulen“ aufbauen. Im ganzen Kreis entstanden vier solche Schulen. In einer davon, in Mochów, Gemeinde Głogówek, Kreis Prudnik, wurde ich 1973 zum Schulleiter berufen und habe dort bis zu meiner Pensionierung [im Jahre 1991] gearbeitet. Gleichzeitig habe ich ein berufsbegleitendes Studium an der Landwirtschaftlichen Akademie in Polen absolviert und bin Diplomingenieur geworden.
Wie sehen Deine Kindheitserinnerungen aus?
Ich kann mich sehr gut an meine Kindheit erinnern. Ich war 4 Jahre alt, als Lemberg bombardiert wurde. Zuerst von den Deutschen, dann von den Russen. Da musste man in Deckung gehen. Wir hatten einen Schutzraum im Garten und die Nachbarn versteckten sich darin. Die Kriegszeit war eine schwere Zeit. Als Polen wurden wir zuerst von den Deutschen und dann von den Russen verfolgt. Mein Onkel, ein Offizier der Reserve, wurde nach Katyn verschleppt und dort ermordet.
Erzähle mir bitte von der Flucht vom Dorf nach Lemberg.
Wir sind nach Lemberg gezogen, weil wir vor den ukrainischen Banden, genau genommen vor der UPA, flüchten mussten, weil sie Polen töteten. Als wir die Straße von Schowkwa nach Lemberg entlangfuhren, waren schon ganze Dörfer in Flammen. Wir flüchteten, um unser Leben zu retten. Unser Hab und Gut wurde zerstört, verbrannt.
Wie sah Euer Leben in Lemberg aus?
In Lemberg wohnten wir bei Bekannten. Die Bedingungen waren nicht luxuriös, aber es reichte aus, um zu überleben. So lebten wir einige Jahre lang. Meine Mutter war auch noch allein mit drei Kindern.
Wie sah Euer Alltag aus?
Es war sehr schwer. Mein Vater musste verschiedene Jobs annehmen, um uns ernähren zu können. Mama arbeitete auch, um die Familie über Wasser zu halten. Als mein Vater zur Front musste, bekam sie wenigstens noch Geld vom Militär. Das half uns, zu überleben.
Was war die Aufgabe Deines Vaters beim Militär?
Er war Minenräumer. Er musste bis 1946 die von den Deutschen angelegten Minenfelder in Bessarabien räumen. Er wurde in die sowjetische Armee eingezogen, da die Ukraine in die Sowjetunion eingegliedert wurde. Deshalb beanspruchte die Sowjetunion auch die dort lebenden Männer für das sowjetische Heer. Als mein Vater sich beschwerte, dass er doch Pole sei und in die polnische Armee möchte, hieß es immer: „wir kämpfen doch gegen den gleichen Feind, den Deutschen, da ist es doch egal“. Erst als es seine Repatriierungsdokumente einreichte, wurde er von Militär entlassen und wir durften ausreisen.
Woran erinnerten sich Deine Eltern?
Ich weiß noch ganz genau, dass mein Vater mir erzählt hatte, wie sie [die Eltern] bei den Bombenanflügen mitten in der Nacht aus dem Schlaf aufgeschreckt sind, die Kinder gepackt haben und mit uns in den Schutzraum geflüchtet sind, und wie die Explosionen der Bomben auf den Blechdächern der Häuser zu hören waren. Dadurch wurde es noch gefährlicher. Man wusste nie, ob man den nächsten Bombenanflug überleben würde oder nicht. Noch früher, als die Russen [die Ukraine] in 1939 besetzten, wurden die Dörfer zwangskollektiviert und alle Bauern sollten in die Kolchosen getrieben werden. Die Polen haben sich dem widersetzt und sie sollten dafür nach Sibirien deportiert werden, es wurden Listen erstellt. Den Polen wurde Land weggenommen und an die Ukrainer verteilt. Diese Deportation scheiterte aber am Einmarsch der Deutschen. So wurden wir vor der Deportation nach Sibirien gerettet, haben den Krieg in Lemberg überlebt und die Freiheit erlebt.
Wie sah Eure Reise von Lemberg nach Westen aus?
Es wurden Viehwaggons aufgestellt und in diesen wurden wir evakuiert mit unserem ganzen Vermögen. Es war nicht viel, weil wir nicht viel mitnehmen durften. Alle Immobilien wurden von den Ukrainern zerstört. Wir hatten also nur einander und das, was wir für die Reise brauchten. Die Reise dauerte mehrere Wochen. Unterwegs hielten wir in verschiedenen Ortschaften, in die das Repatriierungsbüro die verschiedenen Leute gewiesen hatte. Man konnte sich nicht frei aussuchen, wo man sich niederlassen wollte.
Hattet Ihr überhaupt die Wahl, in Lemberg zu bleiben oder auszureisen?
Ja, man durfte auch bleiben. Viele Polen sind auch geblieben, in der Überzeugung, dass die Gebiete wieder polnisch werden würden. Man musste sich aber entscheiden, ob man die ukrainische und somit die sowjetische Bürgerschaft annehmen wollte oder Pole bleiben wollte. Wir haben uns entschieden, dass wir Polen bleiben und in Polen leben wollen und nicht in der Sowjetunion. Deshalb ließen wir unsere alte Heimat zurück und haben uns hier, in den sogenannten Wiedergewonnenen Gebieten, eine neue Heimat gesucht.
Wo habt Ihr Euch niedergelassen?
Zuerst in der Woiwodschaft Breslau, dann zogen wir in die Woiwodschaft Oppeln. Wir ließen uns in dem Ort Boguchwałów im Kreis Głubczyce in der Woiwodschaft Oppeln nieder. Dort bewirtschafteten die Eltern weiterhin einen Bauernhof und meine Geschwister und ich gingen in die Schule. Es war keine gute Zeit für Bauern. Damals wurden die sogenannten Staatlichen Landwirtschaftlichen Betriebe eingeführt und die Bauern wurden gezwungen, diesen beizutreten. Mein Vater kannte das bereits aus dem Osten und wollte dem Betrieb nicht beitreten. Dafür wurde er schikaniert. Ihm wurde sein Land dreimal weggenommen und woandershin verlegt. Er sagte zu uns, seinen Kindern, dass wir auf dem Lande nichts zu suchen hätten. „Geht zur Schule, lernt einen Beruf, aber haltet euch bloß fern von der Landwirtschaft“.
Wie haben diese Erfahrungen Deine Sichtweise verändert?
Diese Erfahrungen haben mir das Weltbild vermittelt, das ich jetzt habe. Der Mensch ist immer auf das Schicksal angewiesen. Er kann nicht immer alles erreichen, was er gerne möchte. Die äußeren Umstände beeinflussen die Haltung des Menschen. Hauptsache, man muss überleben. An seinen Überzeugungen und Träumen festhalten, um sein Leben bis ans Ende möglichst gut zu leben.
Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.