Familiengeschichten
Edward Szukiel
Interview aufgezeichnet: von Breslau, Polen 10.09.2017

Edward Szukiel

Edward Szukiel wurde 1930 im Dorf Wozgielańce in der Region Vilnius geboren. Er hat vier Geschwister. Sein Vater war Schmied. Edward wurde patriotisch erzogen. Er wuchs auf unter einem starken Einfluss von Meszkian, dem Besitzer des Gutshofs, in dem sich Edward häufig aufhielt. Die Region Braslau war bekannt für ihre wunderschönen Seen und wurde daher häufig von Adeligen als Zufluchtsort gewählt. Zu einigen davon hatte Edward Kontakt. Er absolvierte eine militärische Ausbildung und diente 1944-1945 in der 24. Brigade der Heimatarmee als Verbindungsmann. Ein Teil der Brigade beteiligte sich an der Aktion Burza in der Region Vilnius, ein Teil hingegen wurde von der sowjetischen Armee interniert. Nach dem Krieg zogen Edwards Eltern nach Riga. Der 16-jährige Edward gab zu, in der Heimatarmee tätig gewesen zu sein, und wanderte nach Warschau aus, wo er im Soldatenheim lebte. Später zog er in ein Waisenhaus in Zakopane, wo er die Schule besuchte. Anschließend gelang es ihm, sich mit seiner Tante in Verbindung zu setzen, die den Krieg als Zwangsarbeiterin in Deutschland überlebt hatte, und sie trafen sich in Breslau. Edward absolvierte eine Militärschule und arbeitete als Ingenieur beim Militär. 1955 heiratete er. In den 1970ern baute er ein Unternehmen in der Ergonomiebranche auf, die damals in Polen eine Pionierbranche war.

(…) Ich sollte die Waffen von der 6. Patrouille liefern.


Du warst damals nur vierzehn Jahre alt…


Ja, die Erwachsenen konnten so etwas nicht tun, nur genau solche jungen Menschen wie wir. Der Wagen wurde vorbereitet und beladen. Die Ladung wurde mit Holzbrettern abgesichert und zugedeckt. Zwischen dem Wagenboden und den Brettern war ein verstecktes Fach. Dort wurden die Gewehre reingelegt und zugedeckt. Ich weiß nicht, wie viele es waren, vielleicht fünfzehn. Das Fach war genau so lang, dass sie da reinpassten. Dann wurde alles zugedeckt. Dieser zweite Boden wurde speziell angefertigt. Dann kam Stroh drüber und dann bekam ich noch Gänse.

Auf den Wagen? Lebende Gänse?


Ja, in Käfigen, wahrscheinlich um keinen Verdacht zu erwecken. In der Hand hielt ich einen Zünder. Falls ich kontrolliert werden sollte, sollte ich den zünden, der ganze Wagen war vermint. Damit ich mir die Folter und das Verhör nicht antun muss, sollte ich mich in die Luft sprengen, falls ich erwischt werden sollte. So fuhr ich los.

Wusstest Du das? War es Dir bewusst?


Es war mir nicht ganz bewusst, ich hatte nur eine Vermutung. Man hatte mir nichts Genaues gesagt, ich sollte nur den Zünder zünden. Aber nicht bei einer einfachen Kontrolle. Die Gänse waren in Drahtkäfigen drin, die an den Wagen gebunden waren. Ich war also unterwegs und schon hinter Puszki. Im Wald stand das Anwesen von Mejsztowicz, der war vor dem Krieg Innenminister gewesen, glaube ich. Das war sein Gutshof, der „Palais Mejszty“. Auf der Straße stand eine Gruppe Soldaten, mehrere deutsche Panzer. Ich glaube, sie reparierten gerade etwas.

Und Du warst allein auf dem Wagen? Hattest Du ein Pferd oder zwei Pferde?


Ich hatte ein Pferd. Ich konnte nicht an den Deutschen vorbei, die Straßen waren nicht so breit, ein Panzer nahm fast den ganzen Weg ein. Ich glaube, es waren „Panther“, sie waren ziemlich breit. Da kam ein Deutscher zu mir, stieg auf den Wagen und fragte mich irgendwas: „Russ, Russ“. Ich zeigte ihm die Richtung, in der die Russen waren. Irgendwie musste ich an den Panzern vorbei. Aber der Deutsche saß weiter auf dem Wagen, er wollte wohl ein Stückchen mitfahren. Ich fuhr also über den Graben, der Wagen schleuderte ein bisschen, aber der Graben war doch nicht so tief. Der Lauf eines Gewehrs schaute ein wenig raus, aber er bemerkte es nicht und ich auch erst später.

Der Lauf eines Gewehrs schaute raus?


Ja, hinten im Wagen. Hinten war der Wagen ja offen, als ich an den Panzern vorbeifuhr.

Hast Du trotzdem Ruhe bewahrt?


Ich habe Ruhe bewahrt. Dann sprang der Deutsche runter, ging zu seinem kommandierenden Offizier und meldete ihm irgendwas. Ich schaute kurz zurück und fuhr weiter. Einen Kilometer weiter fing mich eine berittene Patrouille [von der Heimatarmee] auf.
Wir waren in dem Wald von Mejszty und ich hatte ihnen Waffen und militärische Ausrüstung mitgebracht.

War das 1944? Welche Jahreszeit?


Juni. Ende Juni.

Wie spät war es?


Vier Uhr. Also spätnachmittags. Die Patrouille wusste bereits Bescheid, dass ich kommen würde.

Wie war das Wetter?


Es war sonnig. Und sehr heiß. Ich trug ein Hemd und einen Strohhut. Meine Haare waren auf ca. 1 cm geschoren und darüber trug ich diesen Hut. Außerdem trug ich Sandalen ohne Socken. So erreichte ich die Brigade. Sie hielten mich an und spannten das Pferd gleich aus. Nach der Meldung kam ein Offizier, um den Wagen zu entladen. Er sollte die Waffen entgegennehmen. Mit ihm kamen zwei Büchsenmacher, die die Qualität der Waffen prüften, ob sie einsatzbereit waren oder repariert oder gereinigt werden mussten. Der Offizier und die Büchsenmacher prüften alles, schrieben die Nummern der Waffen auf und entschieden, dass ich mir eine Waffe aussuchen durfte. Da war ein Maschinengewehr, vier oder fünf sowjetische halbautomatische Zehn-Schuss-Gewehre…

Keine Kalaschnikows?


Nein, nein. Aber da war eine MP, eine deutsche Maschinenpistole. Sie war etwas ausgebrannt, aber gut renoviert. Zakrzewski war Büchsenmacher und er hat sie renoviert. Alle mussten lachen, weil ich noch gar keine militärische Kleidung trug, ich stand da im Hemd, mit Strohhut und Sandalen, und ich war so fasziniert von dieser Pistole, dazu gab es noch neun Patronen in Hülsen, d.h. in den Patronenkammern. Zakrzewski hob die MP auf, die an einem Gurt hing. Er gab sie mir nicht in die Hand, sondern hängte sie mir über und sagte: „Das soll deine Waffe sein“.

Du hattest das Schützentraining noch nicht gemacht, oder?


Wir wurden geschult, mit jeder Art von Waffen umzugehen, die die Partisanen nutzten. Jeder hatte das Training gehabt. Am besten konnten wir mit der MP umgehen, die mussten wir mehrmals auseinandernehmen und wieder zusammenbauen.

Ich finde das schrecklich, Du warst ja noch ein Kind…


Ohne die Unterstützung von Frauen und Kindern war der Partisanenkampf unmöglich.

Hast Du die MP jemals benutzt?


Nein, nie. Aber ich fühlte mich wie ein echter Soldat. Zwei Stunden später dämmerte es. Es waren vielleicht 25 oder 30 Grad und ich trug nur ein Hemd. Ich war nicht gut vorbereitet, es war die Hölle für mich. Erst dann spürte ich, wie warm es war und wie unpassend meine Kleidung war. Nachts mussten wir unsere Betten selbst machen. Man schnitt ein paar Tannen- oder Kiefernzweige ab und legte sie in Schichten aufeinander. Ich hatte auch ein Bettlaken aus Leinen, das im Firnis getränkt und getrocknet wurde.

Firnis? Damit es nicht durchweicht?


Ja. Das legte man auf die Zweige. Darauf kam noch der Rucksack als Kopfkissen. Wenn jemand eine Decke hatte, deckte er sich damit zu. Ich hatte nur einen Mantel. So schlief ich die Nacht durch. Ich war sehr aufgeregt und konnte bis zum Morgengrauen nicht schlafen, dann weckten mich die Vögel mit ihrem Zwitschern.

Dir war also zu heiß in dieser Kleidung?


Ja, es war zu heiß. Aber ich hatte keine andere. Die anderen Soldaten hatten sich bereits daran gewöhnt und schliefen ein, ein Drittel hielt Wache. Es fühlte sich nach Kampf an, nach Gefahr. So schlief ich zwei oder drei Nächte. Am vierten Tag wurde ich registriert. Die Brigade kümmerte sich um mich, sie unterstützten mich sehr. Ich habe mich nie beschwert, ich machte mir nur Sorgen, ob ich es durchhalten würde. Gegen eins sollten wir den Standort wechseln, denn die Partisanen durften nicht länger als drei Tage an einem Ort bleiben, dann suchten sie sich im Wald eine neue Bleibe. Die Aufenthaltsorte waren vorab festgelegt. Wir wollten zu Mittag essen. Sie brachten einen Ochsen, schlachteten ihn und kochten einen hervorragenden Bigos [polnischer Sauerkrauteintopf mit Fleisch]. Ich hatte schon den halben Teller gegessen, vielleicht etwas weniger, aber ich aß den Eintopf mit Vergnügen, als wir plötzlich Raketen hörten. Ich war mit der Brigade irgendwo am Waldrand, da hörten wir plötzlich diese Raketen und dann nichts mehr. Stille. Dann kam plötzlich eine berittene sowjetische Patrouille mit Maschinenpistolen. Mitten im Wald, alle Soldaten waren am Essen, und sie fragten uns: „Wo ist euer kommandierender Offizier?“ Aber die Offiziere waren zurückgeblieben, sie waren nicht bei uns. Es gab nur einen Offizier, der bereits zu dieser im Entstehen begriffenen Kompanie vorgedrungen war, er hieß Bem. Dann kamen weitere Angriffswellen.


Angriff? Auf Euch?


Ja, auf uns. Man wiederholte immerzu den Befehl: „Nicht schießen, nicht schießen!“ Unser Befehlshaber verbot uns, auf die Russen zu schießen. Doch wie sollte man sich gegenüber den einmarschierenden Russen verhalten? Es gab damals einen Leitfaden, der bis heute noch veröffentlich wird, wie sich die Heimatarmee gegenüber der einmarschierenden Roten Armee zu verhalten hatte.

Auf Euch wurde also geschossen?


Wir sahen die russische Schwarmlinie, 200 Meter weiter die nächste, dann die dritte und so weiter.

 Waren Eure Waffen schussbereit?


Selbstverständlich. Dann kam der [sowjetische] General und begrüßte uns. Niemand antwortete. Er machte sich nichts daraus, sondern ließ uns die Waffen niederlegen und Kolonnen bilden. Es warteten bereits Soldaten auf uns, die uns gefangen nehmen sollten. Alle, die aus Warschau und aus anderen Regionen gekommen waren, marschierten in Zweierreihen und die [sowjetischen] Soldaten schrieben die Waffen auf, die niedergelegt wurden. Ich musste auch meine Waffe abgeben, obwohl ich es nicht wollte. Die MP, die ich bekommen hatte, wurde mir weggenommen. Alle Waffen wurden an einem Ort gelagert. Die sowjetischen Soldaten stellten sich rund um die Waffen, damit niemand etwas entwenden konnte. Dann wurden Viererreihen gebildet. Der General sagte, dass Gespräche im Gang waren, dass wir in die alliierte Armee eingezogen werden sollten, dass eine polnische Armee gebildet werden würde. Doch bis zum Ende dieser Gespräche waren wir interniert und sollten an den Ort abmarschieren, an dem wir untergebracht werden sollten.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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