Familiengeschichten
Józef Boba
Interview aufgezeichnet: von Polanka Wielka, Polen 24.10.2015

Bauer – aus dem Deutschen übernommene Bezeichnung für deutsche Ansiedler im Zweiten Weltkrieg, die polnische Bauernhöfe übernahmen.

SP ("Służba Polsce" - "Dienst an Polen") - eine staatliche paramilitäre Organisation, gegründet am 25. Februar 1948, in die junge Menschen im Alter von 16 bis 21 einberufen wurden.

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Mein Opa (mittlere Reihe, dritter von links) mit anderen Jungs in der SP.

Józef Boba

Der älteste von meinen engsten Verwandten, mein Großvater Józef Boba, ist am 26. Dezember 1932 in Polanka Wielka geboren. Zusammen mit seiner Familie wurde er 1940 an einen anderen Ort umgesiedelt. Er hat seinen Vater am 9. Januar 1942 verloren. Dieser ist im Arbeitslager ums Leben gekommen, in das er verschleppt wurde, weil er sich geweigert hatte, seinen Bruder zu verraten. 1948 absolvierte Józef eine zweimonatige Schulung bei der Służba Polsce. 1950 musste er Wehrdienst leisten und hat 2 Jahre lang als Bombenentschärfer gedient. 1959 heiratete er Maria Bratek. Sie hatten vier Kinder: Maria, Zofia, Bogdan und meinen Vater Jerzy.

Meine Erinnerungen

Interview mit Józef Boba

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Ich bin 83 Jahre alt. Ich bin in Polanka geboren. Meine Eltern hießen Franciszka und Jan.

Und Du heißt Józef Boba.

Und ich heiße Józef Boba.

An den Krieg erinnere ich mich gut. Ich war damals sieben Jahre alt und war bereits an der Schule eingeschrieben. Ich weiß nicht, wann genau der Krieg ausgebrochen ist.

Mein Vater bekam häufig Besuch von einem Freund. Sie unterhielten sich über den Krieg, über die Aussiedlungen. Ich hörte ihnen zu. Dann wachte ich nachts auf vor Schreck.

Später sah ich einmal, wie über dem Feld, hinter den Häusern, ein Flugzeug flog und zu schießen begann. Der Krieg war ausgebrochen, sagte man. Vielleicht war er schon vorher ausgebrochen, nur wusste ich es nicht. Später, als ich die Kühe zum Grasen an den Rand des Weges rausbrachte, der durch unser Feld runter zum Teich verlief, sah ich ein paar Soldaten. Sie kamen auf mich zu. Sie sagten irgendwas, aber nur auf Deutsch. Ich verstand sie nicht. Sie machten ein paar Fotos von mir und gingen weiter.

Dann begannen die Aussiedlungen. Am Morgen fuhr ein kleiner Pferdewagen vor unser Haus. Am Anfang haben sie solche kleinen Wägen bereitgestellt. Was durften wir mitnehmen? Wir haben die Betten mitgenommen, das Bettzeug, Kleider und das Geschirrschränkchen. Mehr durften wir nicht mitnehmen. Weder den Schrank noch sonst etwas. Unweit von mir stand eine Axt, die habe ich mir geschnappt, aber einer der Soldaten nahm sie mir weg.

Sie brachten uns in ein kleines Haus in Bielany, das halb gemauert und halb aus Holz war. In dem Haus gab es nur zwei Zimmer. In dem anderen Zimmer, dem gemauerten, wohnte eine Mutter mit ihrer Tochter, die als Schneiderin arbeitete. Wir wurden in das eine Zimmer einquartiert und sie in das andere. Wir wohnten aber nicht lange dort.

Einmal sind mein Vater und ich zum Nachbarn zum Essen gegangen und dann kamen Gendarmen, um meinen Vater abzuholen. Meine Mutter kam sofort, und ich durfte nicht mit meinem Vater mitgehen, aber ich habe alles gesehen. Sie gingen fort und nahmen ihn mit, und er kam nie wieder zurück.

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Das einzige Foto von Jan Boba (zweiter von rechts, stehend), Józefs Vater.

Warum haben sie ihn mitgenommen?

Sie haben ihn mitgenommen, weil er schon früher ausgesiedelt hätte werden sollen, nach Granica Włosieńska [heute Dorfteil von Osiek, nahe Polanka Wielka]. Sie warfen ihm Diebstahl von Hausgeflügel vor, aber in Wirklichkeit hat sein Bruder das getan. Sie haben ihn als anstelle seines Bruders mitgenommen, ihm Handschellen angelegt und ihn wahrscheinlich geschlagen, damit er gesteht. Er hat aber nicht gestanden, weil er unschuldig war, und seinen Bruder hat er auch nicht verraten.

Wir wohnten den ganzen Winter lang dort. Später wohnte dort auch eine Schneiderin. Einmal steckte sie eine Nadel in den Türrahmen und ließ sie dort stecken. Als meine Mutter das Haus sauber machte, drang diese Nadel in ihr Handgelenk ein. Sie hielt sie fest und rannte zu den Nachbarn. Die sagten zu ihr: „Lass los, lass los!““ Mama ließ die Nadel los, da drang sie noch tiefer ein. Sie ging also ins Krankenhaus in Bielsko. Dort wollte man ihr die Hand amputieren, weil man befürchtete, dass sich bei ihr Gangren entwickeln könnte. Aber sie flehte die Ärzte an, das nicht zu tun. Ihre Schwester ging zu einem Heilkundigen in Osiek, sein Name war Klęczar. Der gab ihr eine Salbe, mit der meine Mutter ihre Hand einreiben sollte. Sie machte es nachts, weil es bei Tag nicht erlaubt war. So konnte sie gerettet werden.

In der Zwischenzeit wurden wir zurückgebracht nach Polanka, zu meinen Großeltern, den Eltern meiner Mama. Dort haben wir bis zum Kriegsende gewohnt. Als Mama aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam sie auch zu meinen Großeltern nach Polanka. Dort arbeitete sie in der Landwirtschaft, bei einem deutschen Bauern. Ich passte auf die Kühe des Bauern auf und bekam dafür einen Liter Milch am Tag und 30 Kilogramm Mehl pro Monat. Es waren sechs Kühe. Zur Schule ging ich nicht, weil es polnischen Kindern nicht erlaubt war.

Im Herbst ernteten die Leute Kartoffeln, manchmal erlaubte uns einer der deutschen Bauern, ein Körbchen Kartoffeln nach Hause mitzunehmen. Für alles andere gab es Lebensmittelkarten. Meine Mutter arbeitete und bekam Geld. Da konnten wir alles im Laden kaufen.

Reichten diese Lebensmittelkarten aus?

Nein, es war zu wenig. Wir mussten irgendwie zurechtkommen. Wir liefen durch die geernteten Felder und sammelten die letzten Ähren. Dann zerkrümelten wir sie und ließen das Getreide in kleinen Pfännchen trocknen. Wir hatten auch eine Handmühle. Darin mahlten wir die Körner, dann vermengten wir sie mit dem Mehl, das wir im Laden gekauft hatten und backten Graubrot daraus. Außerdem hatten wir Hühner und Kaninchen.

Dort haben wir bis zum Kriegsende gewohnt. Ich passte auf die Kühe auf, hatte einen eigenen Weideplatz. Unweit davon standen drei Flugabwehrkanonen. Die Soldaten hatten dort eine Baracke und ein großes Fernrohr. Gegenüber lag ein weiter offener Raum, vielleicht 500 Meter. Dort stand die zweite Flugabwehrkanone, sie nannten sie Flak. Eines Tages stellte ich mir das Fernrohr zurecht, beugte mich und guckte hinein. Ich sah die Soldaten Kartoffeln schälen. Da kam auf einmal ein Soldat angerannt, gab mir einen Arschtritt und befahl mir, zu den Kühen zurückzugehen.

Wir wohnten in einem kleinen Zimmer. Wir waren drei Familien. Das Haus meiner Großeltern hatte zwei Zimmer. In dem anderen Zimmer wohnte auch unsere Familie, der Sohn [der Großeltern], und wir wohnten in dem anderen.

Häufig stürmten Polizisten rein und suchten irgendwas. Bei dem Onkel, der dort wohnte, versteckte sich sein Bruder. Er war nachts oft da, hatte dort seine Verstecke. Er versteckte sich in einem Erdloch unter dem Schuppen. Eines Tages ertappte jemand die Bäuerin dabei, wie sie mit Essen für ihn hinterm Zaun vorbeilief, seither wussten sie [die Polizei], da ist jemand. Sie versuchte sich herauszureden, sagte, das Essen wäre für die Hühner, die sie da hatten. Die Polizei kam häufig nachts und schaute unter allen Bettdecken nach. Am Tag waren sie auch oft da. Doch er war nie dort, wenn sie kamen, und selbst wenn er da war, hat er es immer geschafft, zu flüchten. Das Haus war so gebaut, dass die Kellertür nah an der Zimmertür war und man dadurch fliehen konnte. So konnte er durch den Stall abhauen. So war das.

Warum musste er sich verstecken?

Weil sie Schnaps gebrannt und illegalen Lebensmittelhandel betrieben hatten. Eines Tages wurden sie beim Transport von Fleisch erwischt und die Deutschen kamen, um sie zu holen. Aber da war diese Durchgangstür in dem Haus. Als sie das Haus damals gebaut haben, wurde gegenüber der Zimmertür die andere Tür eingebaut, durch die man fliehen konnte.

Als die Deutschen kamen, machten sie gerade Frühstück. Der eine Deutsche durchsuchte den Keller, der andere stand in der Tür und schaute zu. Und sie flüchteten durch die andere Tür in den Wald bei Włosień.

Seither versteckten sie sich in Granica Głębowska [heute Dorfteil von Osiek, nahe Polanka Wielka]. Von dort kam er nachts zu uns. Wenn sie [die Polizei] ihn jemals erwischt hätten, wenn sie erfahren hätten, dass wir ihn verstecken, wären wir alle in ein Lager gekommen. Ich fuhr mit meinem Onkel häufig mit dem Pferdewagen nach Brzeszcze [Kleinstadt unweit von Auschwitz], um Kohle zu holen. Wenn wir an dem Lager in Auschwitz vorbeifuhren, musste er immer seine Mütze abnehmen und mit bloßem Kopf weiterfahren. So haben die Deutschen kontrolliert, ob er noch Haare hat. Wenn er keine Haare hätte, würde das bedeuten, dass er aus dem Lager entkommen ist.

Dann begannen die Luftangriffe. Über uns flogen amerikanische Flugzeuge und schossen, und wir versteckten uns in den Kellern. Gegen Kriegsende gab es jeden Tag Luftangriffe und Bombardements. Als sich die Front näherte, saßen wir auch in den Kellern, weil rundherum geschossen wurde. Dann kamen russische Soldaten, sie stürmten bei uns rein und suchten nach Deutschen. Das dauerte eine ganze Nacht und einen ganzen Tag. In unserem Dorf wurden sehr viele deutsche Soldaten erschossen. Einer hatte sich in einer Kapelle versteckt, dort haben sie ihn gefunden und erschossen. Wir sind hingegangen, um uns die Leiche anzuschauen, sie lag neben der Kapelle. Ein anderer Soldat versteckte sich bei den Ryłkos hinter einem Heuhaufen, da haben sie ihn auch hervorgeholt und erschossen. Am südlichen Dorfrand hatten sich deutsche Soldaten gerade Frühstück fertig gemacht, da fielen die Russen über sie her, führten sie hinter die Scheune und erschossen sie alle.

Wie haben sich die deutschen Soldaten Euch gegenüber verhalten?

Freundlich. Sogar diejenigen, die die Flugabwehrkanonen bedienten. Einer von denen kam zwischendurch zu uns. Sie wohnten alle in einem Haus. Einmal kam er, holte eine enorme Summe Geld hervor und sagte: „Was soll ich mit diesem ganzen Geld, wenn ich hier bin“. Ja, sie waren freundlich.

Und die russischen Soldaten?

Die Russen waren genauso. Aber die jungen Mädchen versteckten sich vor ihnen, weil sie sie vergewaltigten.

Immer diese Luftangriffe… Endlich war der Krieg zu Ende. Wir sind nicht direkt nach Hause zurückgekehrt, denn in unserem Haus wohnte ein Nachbar. Er wusste nicht, wohin er sonst gehen sollte, weil sein Haus abgerissen worden war. Alle Häuser, die abgerissen werden konnten, wurden abgerissen und aus dem Holz wurden Scheunen und Ställe gebaut. Als der Nachbar wieder ausgezogen war, kehrten wir zurück nach Hause. Doch was war schon von dem Haus übrig… Eine Scheune aus Holzlatten, ohne Dach, weil die Dachziegel für den Bau anderer Scheunen verwendet worden waren. Die Pferde waren auch weg. Wir mussten irgendwie zurechtkommen.

Also war es am Anfang schwer?

Am Anfang war es schwer. Wir haben irgendwo eine Kuh aufgetrieben und das war alles, was wir hatten, ansonsten war es schwer. Aber dann wurde es ganz langsam besser.

Und Dein Papa war weg. Ihr habt die ganze Zeit geglaubt, er würde wiederkommen. Wann habt ihr erfahren, dass er nicht wiederkommt?

Von seinem Tod haben wir aus einem Brief erfahren, den wir später erhalten haben.

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Der Brief, den Jans Frau erhielt: „Am 9.1.1943 ist im Männerstammlager Sosnowitz Ihr Ehemann verstorben. Sie haben sich bis zum 11.1.1943 mit dem Fürsorgeamt Sosnowitz, Beskidenstr. 25 wegen Übernahme der Bestattung in Verbindung zu setzen.“

Dann wurde die SP gegründet. Sie bestand aus Jungen und Mädchen im Alter von 13 bis 16 Jahren. Wir mussten immer zu den Versammlungen gehen, mehrere Stunden die Woche, es war Pflicht.

Mój dziadek (z lewej) z kolegą w SP.
Mein Opa (links) mit einem Freund aus der SP.

Was habt ihr dort gemacht?

Sie haben uns beigebracht, wie man schießt, woraus eine Waffe besteht. Es war eine Art Vorbereitung auf den Krieg, denn man munkelte, dass es einen neuen Krieg geben würde.

Bist Du damals zur Schule gegangen?

Nein.

Also bist Du nach dem Krieg auch nicht zur Schule gegangen?

Doch. Gleich nach dem Krieg ging ich zur Schule. Ich absolvierte vier Klassen.

War das vor der SP-Zeit oder danach?

Das war vor der SP-Zeit.

Wenn der Krieg vorbei war, hast Du also erst mal die Schule absolviert.

Ja, ich habe vier Klassen absolviert, danach ging mein Jahrgang nicht mehr zur Schule. Ich ging nicht mehr zur Schule, weil ich im Feld arbeiten musste, meine Mutter war allein. Deshalb habe ich nur vier Klassen absolviert. Danach habe ich in einem Abendkurs sieben Klassen absolviert.

Außerdem ging ich zur SP. Die Mädchen mussten auch zu einer zweimonatigen Schulung und zu irgendwelchen Arbeiten.

Mich haben sie auch für zwei Monate nach Grabówek geschickt [Stadtteil von Gdingen]. Wir hatten dort Schulungen. Wir wohnten in Zelten, mussten Wache stehen. Sie gaben uns Gewehre. Sie waren lang, aber beschädigt. In die Patronen waren Löcher gebohrt worden, damit man sie nicht schießen kann.

Musstest Du zur SP? Deine Mama war alleine, der Papa war weg. Musstest Du sie alleine lassen?

Ja, das musste ich. Mama hat versucht, mich aus Bielsko zurückzuholen, weil wir in Bielsko losgefahren sind, aber es ging nicht. Ich habe also die zwei Monate bei der SP verbracht.

Dann kam ich von der SP zurück. Ich war bereits achtzehn, also haben sie mich für zwei Jahre zum Militär einberufen. Nach Tczew [Stadt in Nordpolen, nahe Danzig], zu den Bombenentschärfern.

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Opas Militärausweis.
Józef (z lewej) w wojsku.
Józef (links) beim Militär.

Im Winter wohnten wir in der Kaserne und im Sommer machten wir Truppenübungen. Beim Unterricht mussten wir mit dem Panzer einen Fluss überqueren. So sah der Unterricht aus. Wir versteckten Minen und die anderen folgten uns und entschärften sie. Ich verbrachte zwei Monate in Kętrzyn [Stadt in Nordostpolen] und habe dort Hitlers Bunker [die Wolfsschanze] von Minen geräumt.

Mal holten wir die Minen heraus, manchmal holten andere die Minen raus und wir zerstörten sie vor Ort. Oder wir brachten sie an einen bestimmten, anderen Ort und zerstörten sie dort, aber dabei ist jemand ums Leben gekommen, weil eine der Minen explodierte. Wir schütteten Schwarzpulver und Zündhütchen auf die Minen.

Józef i Maria w dniu swojego ślubu.
Józef und Maria am Tag ihrer Hochzeit.

Sie gaben uns Zündschnüre. So eine Schnur brennt einen Zentimeter pro Minute. Wir schnitten die Schnüre so zurecht, dass wir vor der Explosion rechtzeitig fliehen konnten. Jeder von uns, und wir waren ein ganzer Zug, sollte eine Mine sprengen. Wir standen vor den Minen und zündeten die Zündschnüre auf Befehl. Wir zündeten sie und liefen dann weg. So zerstörten wir die Minen.

Später arbeitete ich in der Landwirtschaft. Ich lernte ein Mädchen kennen, heiratete sie. Dann zog ich zu ihr und baute auf dem Grundstück ein Haus. Ich fand eine Anstellung im Chemiewerk in Oświęcim und arbeitete dort bis zur Pensionierung. Jetzt bin ich 83 Jahre alt und… ich lebe.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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