Familiengeschichten
Stanisław Iwach
Interview aufgezeichnet: von Wysoka, Polen 06.03.2018

Stanisław Iwach

Stanisław Iwach ist 1935 in Ternopil im damaligen Ostpolen geboren. Er war eins von sieben Kindern von Anna und Piotr Iwach. Als sich 1944 der Hass der ukrainischen Bevölkerung gegenüber den dort lebenden Polen bemerkbar machte, beschloss seine Familie, in den Westen, die sogenannten "Wiedergewonnenen Gebiete", zu ziehen. Im April 1945 fing für die Familie Iwach offiziell ein neues Leben an. Unsere Familie wohnt immer noch in dem Haus, das sich mein Urgroßvater vor über 70 Jahren ausgesucht hatte.

Ich bin in den ehemaligen polnischen Ostgebieten geboren, in der Woiwodschaft Ternopil, und habe dort bis zu meinem neunten Lebensjahr mit meinen Eltern und Geschwistern gelebt. Nachdem die sowjetische Armee zum zweiten Mal einmarschiert war, stellte sich heraus, dass mein Vater entweder die russische Staatsbürgerschaft annehmen oder in die sogenannten Wiedergewonnenen Gebiete ausreisen konnte. Er lehnte es entschieden ab, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, da er „mit Fleisch und Blut“ Pole war und sich entschloss, mit der ganzen Familie in die Wiedergewonnenen Gebiete auszureisen. Es war das Jahr 1945, kurz nach dem Kriegsende. 1944 und 1945 tobten in den Woiwodschaften Ternopil, Lemberg und Stanislau [heute Iwano-Frankiwsk] UPA-Banden. Diese Woiwodschaften gehörten damals noch zu Polen, aber man nahm trotzdem an, sie wären ukrainisch. Diese Banden töteten Polen. Die Polen mussten sich bei Bekannten oder in irgendwelchen Schlupflöchern verstecken. Sie [die UPA] kamen nachts, um zu töten. Bei uns kamen sie Ende 1944, Anfang 1945 sogar am helllichten Tag. Vorher kamen sie nachts, nahmen die Polen mit und brachten sie weg. Sie brannten ganze Dörfer nieder, wenn es polnische Dörfer waren. Wenn es gemischte, polnisch-ukrainische Dörfer waren, wie das unsere, dann konnten sie sie nicht verbrennen, weil sie auch die eigenen Leute verbrennen würden. Also fischten sie sich nur die Polen raus und brachten sie in Scheunen und Trockenschuppen. Solche Trockenschuppen hatten die Bauern, die Tabak anbauten. Sie brachten die Polen hinter den Schuppen, begossen sie mit Benzin und zündeten sie bei lebendigem Leibe an. Meine Eltern und ich schliefen deshalb in den Gruben in Kartoffel- und Maisfeldern. So versteckten wir uns. Die UPA-Leute, die sogenannten Bandera-Männer, waren früher unsere ukrainischen Nachbarn gewesen. Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Ich vielleicht nicht, aber der ältere Jahrgang schon. Ich ging damals auf die erste Klasse. Im letzten Schuljahr vor 1945 wohnten wir aber bereits in der Stadt. Meine Schwester arbeitete bei dem Schulleiter. Unsere Eltern hatten uns dorthin gebracht. Tagsüber fuhren sie aufs Land, um die Felder zu bestellen und den Hof zu bewirtschaften, und ich ging in die erste Klasse, bis wir in den Westen fuhren. Mein Vater entschied sich für die Ausreise und versammelte uns alle, sieben Stück insgesamt. Dann wurden wir in Viehwaggons hierher, in die Wiedergewonnenen Gebiete, gebracht. Niemand wusste, wohin die Reise geht. Man sagte zu uns, in einem, zwei oder drei Monaten könnten wir wieder nach Hause, alles würde wieder normal werden, das Gebiet würde wieder zu Polen gehören und man würde dorthin zurückgehen können. Das erwies sich aber als falsch. Wir hatten Glück, weil unser Transport nicht sehr lange dauerte. Manche dauerten zwei, drei Wochen oder noch länger. Wir waren nur wenige Tage unterwegs, bis wir im Westen ankamen. Im August 1945 kamen wir am Bahnhof in Breslau-Brochów an. Hier wurden wir angehalten und den Familienvätern wurde gesagt, sie sollen losgehen und sich nach Wohnungen umschauen. Mein Vater kam hierher, nach Wysoka. Hier hatten vorher Deutsche gewohnt. Überall hatten Deutsche und Russen gewohnt. Die Russen hatten die meisten Gebäude besetzt, die Deutschen wohnten auf den Bauernhöfen. Meinem Vater gefiel der Bauernhof in Wysoka. So heißt der Ort jetzt, zu der deutschen Zeit hieß er Kuńczyki [eigentlich: Zehnhufen]. Wir wohnten in einem kleinen Zimmer. Die ganze Familie wohnte in einem Zimmer mit Küche. Es gab drei Zimmer, in den beiden anderen wohnten deutsche Familien. Sie wohnten dort zusammen mit uns bis 1947. 1947 wurde verordnet, dass die Deutschen nach Deutschland ausgesiedelt werden sollen. Da waren wir allein auf dem Bauernhof. Natürlich gingen wir zur Schule und wurden ausgebildet. Mein ältester Bruder arbeitete in einer Schmiede, die Schwestern in der nahe gelegenen Zuckerfabrik Klecina. Wir blieben hier wohnen. Die Eltern bewirtschafteten den Bauernhof, später hatten sie eine Gärtnerei. Ich absolvierte eine allgemeinbildende und dann eine polygrafische Schule. Ich habe 36 Jahre lang, bis zu meiner Pensionierung, in dem Arbeiterverlag „Prasa Książka Ruch“ gearbeitet. Das war damals die größte Druckerei. Danach ging ich in Rente. Natürlich gründete ich 1959 auch eine Familie, ich habe geheiratet und vier Kinder bekommen: zwei Töchter und zwei Söhne. Ich habe eine wunderbare Familie, Enkel, Urenkel. Also ist alles gut. Alle meine Kinder haben tolle Berufe erlernt. Ich habe zwölf Enkelkinder, sechs Mädchen und sechs Jungs, fifty-fifty, könnte man sagen. Also ist alles ganz toll. Wir leben hier bis heute, haben das Haus ausgebaut. Mein Sohn hat zwei Häuser gebaut. Ich habe hier mit meiner Frau gelebt und jeder von uns hat in seinem Bereich gearbeitet. Ich habe mit meiner Frau 50 Jahre zusammengelebt, wir haben unsere goldene Hochzeit gefeiert. Jetzt bin ich allein. Meine Frau hatte einen Schlaganfall gehabt und danach noch acht Jahre gelebt. Es ist schon fünf Jahre her, dass sie verstorben ist. Ich bin hier schon zum sechsten Mal Dorfschultheiß. Ich bin hier aktiv. Die Leute vertrauen mir. Mein Vater war auch Dorfschultheiß. Einmal kamen die Deutschen zu Besuch, die hier früher gelebt haben. Ich war gerade nicht da, sie sprachen mit meinem jüngsten Sohn. Sie fragten ihn, was sein Vater mache. Mein Sohn sagte, ich sei der Dorfschultheiß. „Und der Großvater?“, fragten sie. „Der war auch Schultheiß“. „Dann wirst du auch Schultheiß“, sagten sie, „denn das Haus hier war das Bürgermeisterhaus“. Und so bin ich bis heute Dorfschultheiß und es geht uns sehr gut.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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