
Stefania Jasińska
Stefania Jasińska (geborene Kramarczyk) ist am 26. Dezember 1926 in Osiek in Polen geboren. 1941 wurde sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Sie arbeitete bei der Familie Heinze in Piltsch (heute Pilszcz, Woiwodschaft Oppeln). Am 9. Mai 1945 kehrte sie nach Osiek zurück. Sie starb am 19. Januar 2016 im Alter von 89 Jahren.„Raus!“ Für die Reise von Osiek nach Grojec gaben sie uns einen Wagen für zwei Familien. Sie verboten uns, irgendwas mitzunehmen. Mein Bruder Grzegorz reiste aus Kęty an und sagte, ich soll die Kuh mitnehmen. Ich ging in den Stall und führte die Kuh raus, aber einer der Deutschen sagte: „Zurück! Oder ich schieße“. Und dann gaben sie uns einen Wagen für zwei Familien. Wir durften nichts mitnehmen. Sie brachten uns zu einer Familie nach Grojec und quartierten zwei Familien in einem Zimmer ein.
Dann begannen sie, den Transport nach Deutschland zu organisieren. Es wurde dunkel. Ich hatte meinen Koffer auf dem Wagen in Grojec gelassen. Als sie mich nach Auschwitz brachten, holte mein Bruder den Koffer von den Eltern ab und wollte ihn mir bringen. Wir fuhren gerade bergauf, er kam mit dem Fahrrad und ich klopfte an die Scheibe, damit er mich sah. Da hielten die Deutschen an und ließen mich den Koffer mitnehmen. Sie schrieben meine Adresse drauf und brachten mich nach Auschwitz. Es war schon spät. In Auschwitz lernte ich zwei andere Polinnen kennen. Osiek wurde ausgesiedelt, das ganze Dorf…
In Auschwitz wollten uns die Deutschen voneinander trennen und eine von uns mitnehmen, aber keine wollte mit ihnen mitgehen. Wir schliefen alle drei in einem Bett. Morgens wurde der Transport nach Deutschland geladen. Sie riefen mich, gaben mir eine Adresse, an die ich mich begeben sollte, und setzten mich in den Zug. Dort lernte ich eine Deutsche kennen, die mir half. Irgendwann blieb der Zug stehen, sie bestellte eine Kutsche und brachte mich an die angegebene Adresse.
Durch das Dorf lief ein Wachtmeister. Er hieß Jasiński. Er war nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland geblieben und arbeitete als Wachtmeister. Er sagte, er weiß, wo ich hingehen soll, und brachte mich zu einem Bauern. Er klopfte ans Fenster und rief: „Gustav! Gustav! Steh auf! Steh auf!” Da standen Gustav und seine Frau auf. Sie brachten mir Wasser zum Waschen und gaben mir etwas zu essen. Dann brachte mich die Bäuerin auf mein Zimmer und zeigte mir, wie man das Licht ein- und ausmacht. Bei uns in Polen gab es damals keinen Strom. Die Bäuerin knipste das Licht ein und aus, und ich war so müde, so erschöpft… Endlich durfte ich schlafen gehen und ich schlief bis zum Morgen. Morgens wachte ich auf.
Mein Bauer war bei dem Sturmabteilungen, er hatte eine schwarze Uniform, und die Bäuerin ging jeden Tag in die Kirche. Einmal kam jemand zu dem Bauern und erzählte ihm etwas, da ging er aus dem Haus und verprügelte eine Polin oder Ukrainerin. Da schimpfte seine Frau mit ihm, sie fragte, warum er da hingegangen ist. Sie sagte: „Für so was ist der Wachtmeister zuständig!“
Am Morgen des ersten Tages sah ich Streuselkuchen durchs Fenster. Es war Pfingsten…
Ich sagte immer wieder, dass ich nicht in Deutschland bleiben will, und die Bäuerin antwortete, dass das nichts hilft, dass ich bleiben muss. Sie ließ mich einen Brief an meine Eltern schreiben. Ich schrieb, dass es mir gut geht.
Die Familie hatte fünf Töchter, ich war die Jüngste im Haus. Alle nannten mich Steffi.
Einmal ließen mich die Bauern den Hinterhof fegen. Ich nahm den Besen, ging los und da sah ich auf einmal sechs Pferde! Weiter standen eine Reihe großer Kühe und eine zweite Reihe kleiner Kühe. Noch weiter Schweine, auf beiden Seiten. Die Bauern fragten mich, ob ich melken kann. Ich sagte, ich kann es nicht, weil ich Angst vor diesen Kühen hatte. Sie sagten, ich soll es lernen, und wunderten sich dann, wie schnell ich es gelernt hatte.
Morgens musste man aufstehen, um die Kühe zu melken, und später ins Feld rausgehen. Um 12 Uhr gab es Mittagessen, abends gab es Abendbrot. Morgens arbeitete ich, dann aß ich Frühstück und dann arbeitete ich wieder. Wenn ich ins Feld rausging, gab mir die Bäuerin ein Schmalzbrot mit.
Wir hatten einen großen Tisch, an dem ich mit dem Bauern und seiner Frau zusammen sitzen durfte. Unweit befand sich ein Lager, aus dem tagsüber russische Kriegsgefangene zur Arbeit im Feld gebracht wurden. Sie durften auch mit uns am Tisch sitzen, die Bäuerin hat sie sogar entlaust.
Eines Tages ging ich nach Troppau zum Fotografen. Da war ein deutscher Soldat, der gerade rausging, als ich reinkam. Er wartete draußen auf mich. Er nahm mich an der Hand und führte mich in ein Restaurant. Ich, eine Polin, mit einem deutschen Soldaten, zum ersten Mal im Leben in einem Restaurant! Ich hatte Angst, dass mich andere Polen melden, dass ich mich als Polin mit einem Deutschen abgebe. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, also dachte ich, wenn er sein Glas in die Hand nimmt, mache ich dasselbe. Aber er hatte keine Hand, sondern nur eine Prothese, was sollte ich dann tun? Es stellte sich heraus, dass er schon früher beim Militär gewesen war.
Mein Papa starb im Laufe des Krieges. Ich glaube, sein Herz ist gebrochen, als er sah, was mit unserem Haus passiert war. Karolka, meine Schwester, war auch in Deutschland und sie kam nach Piltsch, um mich zu dem Begräbnis abzuholen. Wir verspäteten uns. Als wir den Hügel zu der Kirche hinaufliefen, gingen alle schon wieder runter. Dann musste ich zurück nach Deutschland.
Die Front nahte. Wir flohen Richtung Westen, zu den Amerikanern. Die Pferde starben unterwegs, die Familie hatte nur das mitgenommen, was auf die Wagen passte, alles andere ließen sie zu Hause zurück. Schließlich kapitulierte die deutsche Armee. Die Russen bombardierten die deutschen Städte und griffen das Land an. Beim letzten Appell tranken die deutschen Soldaten Alkohol und gaben uns etwas davon ab, denn die ganze Situation war mehr ein Auflauf als ein Appell. Morgens hängten die Soldaten weiße Fahnen auf und die Russen kamen.
Es gab dort ein Schloss, in dem die deutschen Soldaten schliefen. Nachts kam einer der Russen dahin und vergewaltigte die Tochter von meinem Bauern. Gustav wollte ihm eine runterhauen, aber die anderen Deutschen hielten ihn zurück. Sie hatten Angst. Dann durften wir endlich zurück nach Hause. Mein Bauer wurde verhaftet und der Mitgliedschaft in der SA angeklagt.
Die Familie hatte auch einen Sohn. Er war mit 19 zum Militär gegangen. Nach drei Monaten erhielt die Familie die Nachricht, dass er verschollen ist und man nicht weiß, wo er begraben ist. Manchmal legte sich die Bäuerin mit kreuzartig ausgestrecken Armen vor ein Heiligenbild. Unweit vom Haus war ein Wäldchen, wo der Junge früher hinfuhr, um Sand zu holen. Sie ging dorthin und rief: „Rudi! Rudi! Wo bist du?! ” Die Bauern hatten auch fünf Töchter, alle erwachsen, ich war die Jüngste im Haus. Aber sie hatten nur den einen Sohn…
Manchmal sang ich auf Polnisch. Da war ein Mädchen in Deutschland, dem es sehr gefiel, wenn ich sang „Noch ist Polen nicht verloren…“ [polnische Nationalhymne].
Ich fühlte mich dort wohl. Ich musste zwar arbeiten, aber ich war nie hungrig. In Polen herrschte damals nur Armut und Elend. Die Familie des Bauern mochte mich, sie nannten mich Steffi. Ich war die Jüngste im Haus.
Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.