Familiengeschichten
Zofia Raj
Interview aufgezeichnet: von Osiek, Poland 17.10.2015

Zofia Raj

Zofia ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, aber ihre Eltern haben ihr über die Kriegszeit erzählt. Im Interview berichtet sie, was sie von ihnen gehört hat. Zofia ist am 11. Mai 1950 in Kęty bei Oświęcim geboren. Sie ist die Tochter von Stanisława und Józef, wuchs aber bei ihrer Tante Elżbieta und ihrem Onkel Karol auf. Mit ihrem Ehemann Roman hat sie eine Tochter und zwei Söhne.

Mein Name ist Zofia Raj, ich bin im Jahre 1950 geboren. Meine Eltern haben mir von ihren Erfahrungen aus der Kriegszeit erzählt, zumindest alles, das sie noch mit Sicherheit wussten.

Wollten die Leute von hier fliehen? Hatten sie Angst vor Umsiedlungen?

Am Anfang des Krieges fingen die Leute an zu fliehen, doch als sie Wadowice [30 km westlich von Kęty] erreichten, stellte sich heraus, dass dort die Angst noch größer und die Schießerei noch heftiger war, und sie kamen zurück. Von diesem Moment an flohen sie nicht mehr, sie warteten geduldig auf das, was kommen sollte.

Diejenigen, die größere Bauernhöfe hatten, wurden ausgesiedelt, und an ihre Stelle kamen deutsche Bauern, die diese Bauernhöfe dann bewirtschafteten. Diejenigen, die kleinere Bauernhöfe hatten, mussten einige Tage die Woche oder den Monat bei den Deutschen arbeiten, ich weiß nicht mehr, wie viel genau. Allgemein wurden die Polen von den Deutschen gut behandelt, denn sie machten ihre Arbeit gut, um nicht negativ aufzufallen und in ein Lager deportiert zu werden. Viel schlimmer war es, als die russische Armee in der Gegend angekommen war. Es kam sogar zu Vergewaltigungen durch die russischen Soldaten.

In mein Haus wurde eine Familie mit zwei Kindern einquartiert. Wir mussten ihnen ein Zimmer abtreten. Sie waren auch zu viert, und das Haus war nur eine kleine Holzhütte. Wir wohnten in einem Zimmer und die andere Familie in dem anderen. Wir mussten ihnen auch Zugang zu der Küche ermöglichen, damit sie etwas für sich kochen konnten. Wenn die Umsiedlerin ihrem Mann, der bei den Deutschen arbeitete, Mittagessen brachte, passte unsere Familie auf ihre Kinder auf.

In unserer Umgebung gibt es einen Wald und in diesem Wald versteckten sich Partisanen von der Heimatarmee. Die Nachbarn brachten ihnen heimlich Essen und unterstützten sie. Sie warnten die Partisanen, wenn Soldaten kamen. Später, als das alles zu suspekt wurde, fing die russische Armee an, Kontrollen durchzuführen. Da zogen die Partisanen weiter. Ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind. Soweit ich weiß, waren sie zu dritt und alle haben den Krieg überlebt. 50 Jahre nach dem Krieg wurde in dem Wald noch scharfe Munition gefunden, als ein starker Wind einen Baum mitsamt den Wurzeln ausriss. Die Polizei wurde benachrichtigt, was dann geschah, weiß ich nicht, weil sich keiner mehr diesem Ort nähern wollte.

Von meiner Familie ist keiner ums Leben gekommen. Es herrschte Stress, ständige Angst vor dem, was passieren könnte, doch alle haben überlebt. Mein Papa war 18 Jahre alt, als sie [die Deutschen] anfingen, Leute zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu verschleppen. Er hatte eine Allergie und starken Juckreiz, deshalb kratzte er sich ständig an den Beinen und hatte furchtbare Wunden, so dass seine Beine immer mit Bandagen verbunden waren. Als sie anfingen, alle jungen Leute zur Zwangsarbeit zu verschleppen, kratzte er diese Wunden noch heftiger, so dass Blut durch die Bandagen sickerte. Als er es ihnen zeigte, ließen sie ihn in Ruhe, weil sie solche Leute nicht brauchten. Sie hatten Angst, dass es Gangren sein könnte. Das hat ihn gerettet, er wurde nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland oder Tschechien verschleppt.

Als ich zur Schule ging, wurden wir über die Antike unterrichtet, der Krieg wurde gar nicht erwähnt. Erst als die politische Wende kam, fing man an, die Wahrheit zu sagen. Natürlich konnten diejenigen, die sich dafür interessierten, schon vorher erfahren, was im Krieg passiert war, aber offiziell sprach man nicht darüber.

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

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